Seele trägt das Wunderhorn

Verbirgt sich unter den Wurzeln ein Schatz? Solitär am Badewald bei Heimbach.

Auf den Hügeln der Eifel recken sich Einsiedler in den Himmel, oft sind es Linden, mächtig und groß. Und um manchen Stamm ranken sich Geschichten, die in Jahrhunderten weiter erzählt wurden. Manchmal steht ein sagenumwobener Schatz im Mittelpunkt, der in den Tiefen der Erde liegt, und nur mit einem Zauberspruch geborgen werden kann.   

Es war einmal eine arme Bäuerin, die lebte mit ihrem kleinen Sohn und einer mageren Kuh in einem kleinen Häuschen zwischen den Hügeln der Eifel. Ein Buchenwald schützte ihr Dach vor den wütenden Westwinden, ein Acker sicherte notdürftig das Überleben. Jeden Sommermorgen, wenn die Sonne über die Hügel stieg, verließ sie leise das Haus, um zur Feldarbeit zu gehen und stellte ihrem Kind einen Teller mit Milchreis und Wecken auf den Tisch.  Am Abend kehrte sie heim und freute sich, dass der Sohn ihr fröhlich entgegen sprang und dass der Teller leer gegessen war.

Eines morgens, als der Sturm besonders heftig an den Türläden polterte und ein kalter Regen das Land einschüchterte, entschloss sie sich, zuhause zu bleiben. Wie immer stand sie in aller Frühe auf, stellte einen Teller mit Brei auf den Tisch und ging in den Schuppen. Plötzlich hörte sie leises Klopfen. Neugierig öffnete sie die Tür einen Spalt breit, lugte hindurch und sah, dass ihr Söhnchen rief:

Komm doch, liebe Unke,
nasch vom dicken Brei

Kaum hatte der Junge sein Verslein beendet, raschelte es am Türrahmen und eine kleine,  warzige Unke, auffällig schwarz-gelb gemustert, hüpfte herein. Der Junge klatschte in die Händchen, hob das Tier zärtlich auf den Tisch und setzte sich gegenüber. Aus herzförmigen Augen sah die Unke den Kleinen an, und immer wenn er seinen Holzlöffel in den süßen Brei steckte, schleckte auch sie davon. Als die Beiden satt waren, bat der Junge: „Komm, sing mir Dein Lied.“ – Und die Unke stimmte leise klagend ihr melodisches „Mmmh-mmh-ha“ an – und noch einmal: „Mmmh-mmh-ha“ – „Wie schön Du singen kannst“, freute sich der Junge und versuchte, ihre Stimme nachzuahmen. „Mmmh-mmh-ha“

Die Mutter verfolgte das Schauspiel hinter der Tür, und sie sagte kein Wort. Auch nachdem die Unke längst wieder weg gehuscht war, erwähnte sie das Tierchen nicht. Am nächsten Tag füllte sie den Teller randvoll, bevor sie ins Feld ging. Und sie freute sich, wie fröhlich ihr Junge war, als sie abends zurück kehrte.

So gingen die Jahre ins Land. Der Knabe wuchs heran. Und es kam ein Sommer, in dem er groß genug war, um seiner Mutter bei der schweren Feldarbeit helfen zu können. Die Zeit war da, Abschied zu nehmen von der Unke und von all den Jahren, in denen die Beiden unbeschwert spielen und singen konnten. Noch einmal stellte die Mutter dem Tierchen und ihrem Sohn einen Teller mit Brei auf den Tisch, noch einmal naschten sie davon, bis sie satt waren. Noch einmal sangen sie leise das Unkenlied: „Mmmh-mmh-ha“.

Als endgültig die Stunde des Abschieds gekommen war, hüpfte das Tier auf den Jungen zu, schaute ihn an und ließ ein goldenes Krönlein in seinen Schoß fallen. Dabei sang es:

Krönlein öffnet Tür und Tor,
zieht aus Bergen Gold hervor.
Findest es zur Mitternacht,
wenn der Mond im Krausbaum wacht.

Kaum war der letzte Ton verklungen, huschte die Unke davon. Ratlos blieb der Junge zurück. Er betrachtete das Krönlein in seiner Hand, fein gearbeitet und so zart und zerbrechlich, wie die goldenen Libellen, die er oft am Teich bewundert hatte. Als die Mutter am Abend zurück kam, zeigte er ihr das kostbare Geschenk und sang mit heller Stimme das Lied der Unke:

Krönlein öffnet Tür und Tor,
zieht aus Bergen Gold hervor.
Findest es zur Mitternacht,
wenn der Mond im Krausbaum wacht.

 Die Mutter lächelte und sagte: „Wenn das Tierchen nicht zurück kommt, gehört Dir die Krone. Dann gehen wir zum Krausbaum auf dem Hollerberg und graben nach dem Schatz. Allerdings ist der Weg beschwerlich. Der Hügel liegt eine Stunde von unserem Dorf  entfernt. Und das Schlimmste: Dort ist es nicht geheuer. Viele, die nachts am Krausbaum waren, sind nie wieder gesehen worden.“

Ängstlich schaute der Knabe die Mutter an. „Aber warum? – Bitte sag es mir, was ist denn dort geschehen?“ – Die Mutter seufzte leise, setzte sich neben den Jungen auf die Ofenbank und begann zu erzählen: „Vor langer Zeit stand genau dort, wo heute der Krausbaum in die Höhe ragt, ein prächtiger Bauernhof. Sein Besitzer war so reich, dass alle flüsterten, er könne sogar den Fürsten mit seinen Schätzen übertrumpfen. Doch alles Gold, alle Edelsteine nützten ihm nichts: In unserem Land wütete damals die Pest. Fast stündlich schlug in den Dörfern das Totenglöcklein. Das Elend, die Angst und die Not wollten kein Ende nehmen. – Da hielt es der reiche Mann nicht mehr aus. ‚Lieber ziehe ich gegen die Schweden ins Feld, als dieses Leid länger ertragen zu müssen‘, sagte er sich. Doch ehe er ging, grub er an den Wurzeln des damals noch jungen Krausbaumes ein Loch und versteckte einen Goldsack. ‚Später‘, – so dachte er – wenn ich zurückkomme, werde ich ihn wieder ausgraben.‘ Doch der Krieg dauerte lange, sehr lange. 30 Jahre lang regierte er, grausam, unbarmherzig und menschenverachtend. Der reiche Bauer kehrte niemals zurück.

Doch das Gerücht von einem Goldschatz unter dem Krausbaum hatte sich in den Eifeldörfern verbreitet – selbst 100 Jahre später, als nichts mehr an das prächtige Haus des reichen Mannes erinnerte, wurde die Geschichte noch von Generation zu Generation weiter erzählt. Und immer wieder versuchten tollkühne junge Männer, den Schatz zu heben.

Gefunden hat ihn niemand. Aber alle, die vom Krausbaum zurück kehren konnten, waren voller Grauen und berichteten seltsame Dinge: Um Punkt zwölf Uhr Mitternacht, wenn der letzte Spatenstich getan war, kamen dicke Knüppel angeflogen. Die prügelten erbarmungslos auf die Schatzsucher ein und trieben sie in die Flucht.

Der Junge hatte mit offenem Mund zugehört. „Was sollen wir tun? Das ist ja sehr gefährlich“, flüsterte er.– „Wir warten drei Tage lang, ob die Unke zurück kommt. Wenn nicht, machen wir alles genau so, wie sie es gesagt hat“, entgegnete die Mutter.

Sie warteten genau drei Tage. Vergeblich. Dann machten sie sich des nachts auf den Weg. Der Junge trug sorgsam das kostbare Krönchen, und als sie sich dem Krausbaum näherten, rückte er ganz nah an seine Mutter heran. Sie schaute nach oben in die Baumkrone. Doch sofort schloss sie die Augen wieder: Grelle Blitze zuckten aus den Ästen, Funken stoben. Plötzlich begannen Geigen zu singen und erfüllten die Nacht mit ihrer eigentümlichen Musik.

Steif vor Schreck standen Mutter und Sohn unter dem Baum. Ängstlich dachten sie an den schwarzen Mann. Hatte ihr letztes Stündlein geschlagen?

Nichts geschah. Nur die wunderlichen Geigenklänge erfüllten die Luft. Endlich nahm sich der Junge ein Herz, kniete nieder und schlug, wie die Unke gesagt hatte, das Krönlein gegen den Berg. Im selben Moment öffnete sich ein Spalt, und eine silberne Stimme erklang:

Erde birgt im Dunkel Leben.
Jeder Grund wird Glück und Born,
wenn der Sinn versteht zu heben,
Seele trägt das Wunderhorn.

Das Innere des Bergs öffnete sich. Pures Gold glänzte ihnen entgegen. Ohne zu zögern griffen Mutter und Sohn nach Dukaten, Edelsteinen, Geschmeide, Ketten und Ringen. Sie füllten ihre Rocktaschen, bis sie überquollen. Plötzlich kam die Unke unter den Wurzeln hervor. Sie ergriff ihr Krönlein und huschte zurück. Sofort verstummten die Geigen. Das Gestein wurde grau. Der Erdspalt schloss sich. Der Krausbaum ragte in die Höhe, als sei nichts geschehen.

Mutter und Sohn eilten zurück ins Dorf, bepackt mit allen Schätzen der Welt. Vergeblich warteten sie darauf, sich bei der Unke bedanken zu können. Sie wurde nie mehr gesehen. Die Schatzgräber aber führten trotz ihres Reichtums ein schlichtes Leben, sorglos und glücklich. – Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

 Quelle: Seidenfaden, Theodor: Die Unkenkönigin – Ein Eifelmärchen. in: Jg. 1931

 

 

 

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