In Heinzelmännchens Wohnzimmer

Es ist unübersehbar: Der da oben sieht dämlich aus und ist betrunken. Gemeine Zwerge wie er, schrill und industriell gefertigt, bevölkern den einen oder anderen Garten und werden von hochnäsigen Passanten gerne verachtet.
Aber es gab eine Zeit, da hatte zumindest der geistige Vater des Zwergs, der Heinzelmann, Hochkonjunktur. Wer ihn nicht persönlich zu Gesicht bekam, beäugte in einem Buch seinen Körperbau, seine Größe, seine Bekleidung und seine Mimik. Ja, sogar seine Lebensweise in der gemütlich eingerichteten Heinzelmännchenwohnung war Thema vieler Gespräche unter ernsthaften Erwachsenen. Ganz wichtig war ihnen der Unterschied zwischen Heinzelmännchen und anderen Wesen der Märchenwelt wie Gnomen und Trollen. Und sie entdeckten dabei, dass all die Gestalten schon immer einen Stammplatz hatten in ihrem Denken und Fühlen.
„Das große Buch der Heinzelmännchen“  von Wil Huygen und Rien Poortvliet bringt dieses Gefühl nun schon fast 40 Jahre auf den Punkt, und auf Niederländisch gelingt dies irgendwie sogar noch besser: „Leven en werken van de Klabouter“.
In die Diktion eines Lexikons gekleidet, erzählt es alles über die Heinzelmännchen, und übrigens auch über die Heinzelweibchen mit ihren runden Bäuchen und den langen, blonden Zöpfen. Beim Anblick der Zeichnungen kommen sie uns so nah, dass wir im Wald keinen Schritt mehr gehen können, ohne unter dem Laub und zwischen den Bäumen nach ihnen zu suchen. Ein Sprungbrett für die Phantasie.
Ich finde, es wird jetzt mal wieder Zeit der schnöden Welt den Rücken zu kehren: Ich schnüre die Wanderschuhe und suche sie irgendwo da draußen, wo das Wünschen noch immer geholfen hat.
Und den gemeinen Gartenzwerg lasse ich einfach links liegen.
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Sag mal „Cheese“

Fotografiert werden ist für mich so lästig wie Straße kehren. Ich hasse dieses Grinsen in fremde Objektive und habe Fluchtgedanken, wenn mir jemand „Cheese“ zulächelt oder gar fordert, ich solle doch jetzt mal ganz natürlich gucken. Was ist natürlich? Genau. Ich weiß es nicht. Nur in unbeobachteten Momenten entspannt sich der Geist. Und dann spielt auch der Körper mit. So geht fotografieren. Auf der Straße sowieso. Da ist jeder Platz eine Bühne. Aber das wissen nur die Puppen.

Die Dämonen füttern

Im Roman „Frau Kassel will Wunder“ ist die Protagonistin wild entschlossen, alles mögliche auszuprobieren, was ihr helfen könnte, wieder gesund zu werden. Zur Seite steht ihr Paul, mit dem sie eine launige E-Mail-Korrespondenz führt. Hier mal ein Auszug:

17.15 Uhr:
Oh, je
Hey, lieber Paul. Was ich Ihnen noch gar nicht gesagt habe: Fragen Sie mich bloß nicht warum, ich zweifle langsam selbst an meinem mir bisher so klar erschienenen Verstand, aber in meiner Heilungssehnsucht war ich bei einer Geistheilerin mit dem schönen Namen Emma und habe außerdem noch einen Fernheiler engagiert, dem ich allerdings jetzt den Laufpass geben werde. Heute Abend um acht haben wir wieder ein telepathisches Meeting. Aber das ist mir eher unangenehm. Ich weiß nicht, wie ich ihn honorieren soll, und irgendwie komme ich mir komisch vor, jeden Abend um acht an einen Mann mit sonorer Stimme zu denken, der dann wohl auch an mich denkt. Ich jedenfalls spüre nichts. Hören Sie? Nichts! Charlotte.

17.30 Uhr:
Re: Oh, je
Dass Sie nichts spüren, ist ja furchtbar. Was könnte furchtbarer sein? Charlotte, wenn Sie nichts spüren, sind Sie tot! Hey, was haben Sie gemacht? Und: Bleiben Sie um Gottes willen dem Fernheiler treu. Die Bezahlung ist doch das Letzte, was in diesem Zusammenhang wichtig ist. Im Übrigen habe ich im Internet beim Geistheiler-Dachverband gelesen, dass es den seriösen Könner auszeichnet, die Bezahlung dem Patienten zu überlassen. Also, Ihr Mann scheint in Ordnung zu sein. Paul

18.16 Uhr:
Re: Oh, je
Warum ich so oft nichts fühle? Ich weiß es nicht, vielleicht wollte ich irgendwann keine Schmerzen mehr fühlen, keine Sehnsucht, keine Angst. Ja, das kann gut sein. Ich hab mich dann in Arbeit gestürzt. Das lenkt ab. Zumal: Nüchterner und zielorientierter als die Kanzleiarbeit kann kaum etwas sein. Und der Fernheiler: Na gut, meinetwegen. Der strukturiert den Tag – wenn auch mit einer gewissen Leere.

18.32 Uhr:
Re: Oh, je
Liebe Treppennachbarin. Also, Fernheiler, erst mal nicht mehr umstritten. Wunderbar. Und dann: Der Kampf ist das Beste, was uns passieren kann, der Kampf mit den Schmerzen. Wir müssen sie fühlen, spüren, anschauen – genau wie das Glück. Das ist Leben. Die Tibeter haben eine schöne Übung: Sie spüren ihre Dämonen, die sie quälen, auf, setzen sie auf einen Altar und füttern sie bei Tag und Nacht, um mehr zu fühlen, mehr zu erfahren, mehr zu leben, Charlotte. Auch im Schmerz leben wir, gerade im Schmerz. Wir sind doch nur deshalb so verbittert und enttäuscht, weil wir versuchen, Tod, Schmerz, Furcht und Hunger einfach auszuklammern. Wir tun so, als wenn wir uns davor schützen könnten, indem wir einfach nicht daran denken wie das Kind, das die Augen schließt und meint, es würde nicht mehr gesehen. Gesundheit und Vollkommenheit: ja. Schmerz: nein. Das Einzige, was wir damit erreichen ist, dass wir uns in zwei Teile spalten und nicht leben. Paul   

Hinter der magischen Tür

Schon oft war ich in der Stadt. Doch noch nie hatte ich diesen Laden gesehen hinter den sonst stets geschlossenen Eingangstoren. Jetzt war es mir, als habe sich eine magische Tür geöffnet. Dahinter Krimskrams aus alter Zeit. Und diese Bilder. Szenen aus Mallorca: Schiffe, Städte. Und drei Frauen. Ich entdeckte sie sofort im Halbdunkel. Selbstbewusst feixten sie mich von der Leinwand an. Ich dachte: Der Maler kann keine Hände zeichnen.
Die Drei lachten, als wollten sie sagen: Irgendwann wirst auch du das Wesentliche sehen.

Wär ich ein Mann doch mindestens nur

Ich steh‘ auf hohem Balkone am Turm, 
Umstrichen vom schreienden Stare,
Und lass‘ gleich einer Mänade den Sturm
Mir wühlen im flatternden Haare;
O wilder Geselle, o toller Fant, 
Ich möchte dich kräftig umschlingen, 
Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand
Auf Tod und Leben dann ringen!

Wär ich ein Jäger auf freier Flur, 
Ein Stück nur von einem Soldaten, 
Wär‘ ich ein Mann doch mindestens nur, 
So würde der Himmel mir raten; 
Nun muss ich sitzen so fein und klar,
Gleich einem artigen Kinde,
Und darf nur heimlich lösen mein Haar,
Und lassen es flattern im Winde!

Annette von Droste-Hülshoff (1787-1848)