Waldgeflüster

An diesem Wochenende geht eine Ausstellung über Schneewittchen im Park von Burg Gladbach zu Ende. Künstler und Autoren waren aufgefordert, die Botschaft  zu erkennen, die sich zwischen den Zeilen des alten Märchens verbirgt. Schneewittchen durchläuft – psychologisch betrachtet – Phasen der Selbstfindung, um sich letztendlich von allen Äußerlichkeiten und Fesseln zu befreien und in der allumfassenden Liebe Erfüllung zu finden.

Auch ich durfte als Autorin an der Ausstellung teilnehmen. Mein Schneewittchen  ist eine Bloggerin, die sich vor dem Bildschirm verliert und mühevoll nach neuen Wegen sucht.  Zwei Wochen lang schwebte meine Geschichte auf einer weißen Fahne im Park. Manchmal war das Licht-und-Schatten-Spiel so intensiv, dass Lesen unmöglich war, manchmal wehte der Wind die Stoffbahn unruhig hin und her, manchmal prasselte Regen auf die Buchstaben.

Kein idealer Platz für einen Text. Und doch hat es mir gefallen, dass einige meiner Gedanken zwei Wochen lang das Geheimnis des Parks teilen durften.  Danke dafür, Caroline.

Werbeanzeigen

Abschied

Noch spüre ich die Hitze, streichelt mich der Meereswind, noch sehe ich die Frauen in ihren gelb-leuchtenden Bikinis, ein Eis schleckend, über die Strandpromenade staksen. Noch leuchtet für mich das Abendlicht, tunkt den Strand in Märchenglanz und verspricht die Stille der Nacht. Noch höre ich das Schwatzen und Lachen in den Cafes. Merkwürdig, diese Stunden zwischen dort und hier. Traumverloren bin ich immer noch am Meer.

Wer sagte, dass wir zu schnell reisen, der Seele keine Zeit lassen nachzukommen – auf die satten Eifelfelder, die kurz vor der Ernte stehen, hier im Abendlicht?

Flammendes Rot

Unter allen Gedichten über den Mohn gefällt mir das von Ludwig Uhland (1787-1847) am besten. Er beschreibt das Geheimnis, das diese Blume umgibt. Für ihn ist sie ein Quell der Inspiration.

Der Mohn 

Wie dort, gewiegt von Westen, 
Des Mohnes Blüte glänzt!
Die Blume, die am besten
Des Traumgotts Schläfe kränzt, 
Bald pupurhell, als spiele
Der Abendröte Schein
Bald weiß und bleich, als fiele

Des Mondes Schimmer ein. 

Zur Warnung hört ich sagen, 
Dass, der im Mohne schlief, 
Hinunter ward getragen
In Träume schwer und tief, 
Dem Wachen selbst geblieben
Sei irren Wahnes Spur, 
Die Nahen und die Lieben
Halt‘ er für Schemen nur. 

In meiner Tage Morgen,
Da lag auch ich einmal,
Von Blumen ganz verborgen,
In einem schönen Tal.
Sie dufteten so milde!
Da ward, ich fühlt es kaum,
Das Leben mir zum Bilde,
Das Wirkliche zum Traum.  

Seitdem ist mir beständig,
Als wär es nur so recht,
Mein Bild der Welt lebendig,
Mein Traum nur wahr und echt;
Die Schatten, die ich sehe,
Sie sind wie Sterne klar.
Oh Mohn der Dichtung! wehe
Ums Haupt mir immerdar!

Traumverloren

Ein Gemälde, irreal wie ein Traum, gefunden auf einem Flohmarkt in Madrid. Die Leinwand lag in einer Ecke, unbeachtet, scheinbar wertlos. Wir waren sofort interessiert. Diese Kinder: Skizziert erscheinen ihre Körper, die blauen! Gesichter aber sind präzise gemalt, gleichsam lebendig in einer verschwindenden Welt. Womit spielen sie? Was interessiert sie? Das Ding in den Händen gleicht einem altmodischen Handy, aber gab es zu der Zeit, als es gemalt wurde, schon Handys?
Fragen über Fragen. Die Allerwichtigste: Kennt jemand zufällig ihren Maler? Keine Signatur, kein Zeichen weist den Weg zu ihm oder zu ihr. Aber er erweckt Aufmerksamkeit. Kein anderes Bild im Haus zieht so viele Betrachter an, die traumverloren vor dem Ölgemälde stehen und sich fragen, wer sie wohl sind, diese Kinder und wo sie so selbstvergessen spielen. 

Ein Himmel voller Wunder

Was so naiv anmutet, ist der winzige Teil eines Wandteppichs der Sami-Künstlerin Britta Marakatt-Labba, der, stolze 23,5 Meter lang, eine Hallenwand der diesjährigen Documenta prägt. Wer sich den zarten Stickereien nähert, wird von Ungewöhnlichem berührt, denn die Künstlerin zeigt die Seelenwanderung ihres Volkes, die in einigen Passagen von hohen Himmeln voller Wunder erfüllt ist. Diese spirituelle Energie ist spürbar, ein Bild voller Verheißung, hinter der sich auch eine düstere Botschaft versteckt: Die Sami mit ihren riesigen Rentierherden sind vom Aussterben bedroht, weil Rohstoffjäger ihre Heimat im hohen Norden Europas gierig betrachten. Die zarte Kunst ist ein stiller Protest gegen die Willkür der Macht – der Documenta sei Dank, dass sie zur Diskussion beiträgt und uns zeigt, was es heißt, Spiritualität zu leben.

Auch „Pu der Bär“ muss sich verstecken  

Es ist schon erstaunlich, was Marta Minujín auf der Kasseler „documenta“ angerichtet hat: Da steht ihr „Parthenon of the Books“ und protestiert in riesigen Dimensionen gegen jegliche Zensur. Wer genauer hinschaut, entdeckt, dass dies bitter nötig ist, denn irgendwo ist irgendein Buch offensichtlich immer auf dem Index. „Harry Potter“ zählt dazu, Tolkiens „Herr der Ringe“ oder „Der Fänger im Roggen“.
Alles Nennenswerte an Literatur ist umschlungen von silbrigen Plastikbahnen, die die Bücher schützen und gleichzeitig offen legen für neugierige Blicke.
Gestern ist ein weiteres verbotenes Werk hinzugekommen. „Winnie the Pooh“, der ebenso niedliche wie einfältige Bär, der am allerliebsten Honig schleckt den lieben langen Tag, ist aus den sozialen Netzwerken Chinas verbannt worden, weil viele ihn mit ihrem Staatschef Xi Jinping verglichen haben.
Wer wütend oder gar enttäuscht ist, dass die Zensur selbst vor Kinderbuchfiguren nicht halt macht, mag sich trösten. Abends, wenn die späte Sonne ihre Strahlen auf die silbrige Haut des Parthenon schickt, wirkt das riesige Gestell so transparent, als hätten sich die Buchstaben längst im großen Weltgeist aufgelöst und selbständig gemacht – aller Willkür zum Trotz.