Das ultimative Grün. Oder war es blau?

Mitten im Raum stand ein großer Tisch und darauf lagen einige Farbtöpfe. »Schauen Sie, gestern habe ich das ultimative Grün erfunden. Ich habe wochenlang danach gesucht. Farn und Eichenblatt miteinander verglichen. Auch den Grashalm dazugelegt. Wer hat das schönste Grün? Nun ist es da. Schauen Sie.«
Er öffnete eine der Dosen, stellte sie direkt ins Sonnenlicht unter die Fensteröffnung, und Charlotte sah ein Grün, das leuchtete wie eine Wiese, aber durchmischt war von den irrlichternden Weiten des Himmels.
Inspiriert habe ihn Yves Klein, der mit seinem Ultramarin die Kunstwelt verblüfft hatte, ein Blau, das völlig einfarbig den Betrachter einsaugte in seine Magie. Er dagegen wolle niemanden verschlingen, sondern er wolle ermutigen mit diesem Grün; ein Gleichnis auf die Schönheit der Erde solle es sein, grenzenlos und voller Möglichkeiten.
So ganz konnte Charlotte seine Begeisterung nicht verstehen. Deshalb sagte sie einfach »nett« und fragte, ob er denn überhaupt male.
»Das ist nicht wichtig. Ich spiele. Ich spiele mit allem, was mir unter die Finger kommt. Vielleicht werde ich gleich auch malen. Ich weiß es noch nicht. Mal sehen. Das Schöne an einem langen Tag ist ja, dass jede Stunde eine andere Stimmung hat und andere Möglichkeiten. Ich weiß noch nicht, wonach mir heute um vier Uhr der Kopf stehen wird, vielleicht werde ich dann einfach irgendwo sitzen und ein Eis essen oder Flöte spielen. Wenn ich diesen inneren Regungen präzise folge, bin ich sehr glücklich. Im Augenblick, auf dem Punkt. Einfach im Leben. Seit ich so rumspiele, weiß ich nicht mehr, wie viel Zeit überhaupt verstrichen ist. Probieren Sie es doch mal aus.«

Aus dem Roman „Frau Kassel will Wunder“

Seele trägt das Wunderhorn

Verbirgt sich unter den Wurzeln ein Schatz? Solitär am Badewald bei Heimbach.

Auf den Hügeln der Eifel recken sich Einsiedler in den Himmel, oft sind es Linden, mächtig und groß. Und um manchen Stamm ranken sich Geschichten, die in Jahrhunderten weiter erzählt wurden. Manchmal steht ein sagenumwobener Schatz im Mittelpunkt, der in den Tiefen der Erde liegt, und nur mit einem Zauberspruch geborgen werden kann.   

Es war einmal eine arme Bäuerin, die lebte mit ihrem kleinen Sohn und einer mageren Kuh in einem kleinen Häuschen zwischen den Hügeln der Eifel. Ein Buchenwald schützte ihr Dach vor den wütenden Westwinden, ein Acker sicherte notdürftig das Überleben. Jeden Sommermorgen, wenn die Sonne über die Hügel stieg, verließ sie leise das Haus, um zur Feldarbeit zu gehen und stellte ihrem Kind einen Teller mit Milchreis und Wecken auf den Tisch.  Am Abend kehrte sie heim und freute sich, dass der Sohn ihr fröhlich entgegen sprang und dass der Teller leer gegessen war.

Eines morgens, als der Sturm besonders heftig an den Türläden polterte und ein kalter Regen das Land einschüchterte, entschloss sie sich, zuhause zu bleiben. Wie immer stand sie in aller Frühe auf, stellte einen Teller mit Brei auf den Tisch und ging in den Schuppen. Plötzlich hörte sie leises Klopfen. Neugierig öffnete sie die Tür einen Spalt breit, lugte hindurch und sah, dass ihr Söhnchen rief:

Komm doch, liebe Unke,
nasch vom dicken Brei

Kaum hatte der Junge sein Verslein beendet, raschelte es am Türrahmen und eine kleine,  warzige Unke, auffällig schwarz-gelb gemustert, hüpfte herein. Der Junge klatschte in die Händchen, hob das Tier zärtlich auf den Tisch und setzte sich gegenüber. Aus herzförmigen Augen sah die Unke den Kleinen an, und immer wenn er seinen Holzlöffel in den süßen Brei steckte, schleckte auch sie davon. Als die Beiden satt waren, bat der Junge: „Komm, sing mir Dein Lied.“ – Und die Unke stimmte leise klagend ihr melodisches „Mmmh-mmh-ha“ an – und noch einmal: „Mmmh-mmh-ha“ – „Wie schön Du singen kannst“, freute sich der Junge und versuchte, ihre Stimme nachzuahmen. „Mmmh-mmh-ha“

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