Über Wolken gehn

„Einfach wieder schlendern, über Wolken gehen…“

Heute Abend ist mir nach Konstantin Wecker. Langsam, langsam. Hören. Schweigen.

„Mit den Wiesen schnuppern, mit den Winden drehn…“

Kein Plan. Nirgends.

„Und die Stille senkt sich leicht in dein Gemüt…“  

Der Augustregen – ein Geschenk im Nirgendwo.

„Muss man sich denn stets verrenken, um sich selber abzulenken…“

Ach, kommt, hört einfach und schaut… Dieser  letzte  Abend im August.

Ausguck ins Jenseits

So malerisch hat sich der Mensch um 1173 das himmlische Jerusalem vorgestellt. Jedes Wort mehr ist überflüssig. Setzen und staunen. Aber halt: Vielleicht noch eins. Die Deckengemälde in einer der schönsten romanischen Kirchen Deutschlands, der St. Maria und Clemens-Doppelkirche in Schwarzrheindorf bei Bonn, waren Jahrhunderte lang nicht zu sehen, weil sie mit schnöder Tünche überdeckt worden waren. Genau das sorgte für ihre lange Haltbarkeit. Glück oder Unglück?

Egal: Heute lädt die Pracht zum Verweilen ein und vielleicht zu einem kleinen Dankeschön an ihren Schöpfer, den eigensinnigen Arnold von Wied.

Eine sinnlos gute Zeit

Schauen wir uns an – in einer ruhigen Minute.  Auge in Auge.  Aufrecht  und ehrlich. Was treibt uns an,  was ängstigt  uns?  Wie wollen wir leben? Der Wiener Philosoph Robert  Pfaller hat darauf eine ernüchternde Antwort: Er meint, unsere Spaßgesellschaft  leide an Genuss- und Erlebnisarmut: Wir trinken Bier ohne Alkohol, Kaffee ohne Koffein.  Das Grenzwertige, das jedem Genuss anhängt, ängstigt.
Wir schauen uns an und reden über Gesundheit und langes Leben. Ein wenig traurig vielleicht, denn irgendetwas fehlt, etwas Tollkühnes, Lustvolles, etwas Ungesundes, das aber satt macht – im wahrsten Sinne des Wortes, und das Zeit verschwendet – ohne einen Gedanken an den Zweck.

Wir schauen uns an. Und lächeln vielleicht. Ja. Die Suche danach wäre gut – sinnlos gut.

 

Schein und Sein

Stephan Balkenhol im Skulpturenpark "Waldfrieden"

»Die Welt ist das, was wir wahrnehmen, denn da wir von Illusionen sprechen, haben wir solche doch schon kennengelernt und als solche durchschaut, und wie vermochten wir es, wenn nicht aufgrund einer Wahrnehmung, die in eins sich als wahr bezeugte?«

Maurice Merleau-Ponty

Strumpfsinn-Lieder: Fliege und Wanze

Die Fliege hat zur Wanze gesprochen:
„Leih‘ mir doch eine Maß Blut,
Ich habe den Bürgermeister gestochen.
Aber der roch nicht gut,
und ich habe sein Blut, ohne was zu sagen,
in die Nase von seiner Frau übertragen
und gab auch der Tochter und dem Sohn
eine kleine Portion.
Und nun riecht die ganze Familie
nach Quecksilber und Petersilie
und ist voller Pickel und Flecke,
und es ist ein Vergnügen, von der Decke
aus zuzugucken
wie sie sich jucken.“

Die Wanze tat etwas fremd
und brummte: „Ach, Bagatelle!“
Und kroch dabei einem Kutscher ins Hemd.
Dort war derzeit ihre Quelle.

(Joachim Ringelnatz)