„Ich breche keine Lanze für die Anarchie. Ich schildere Ihnen nur die spezielle Müdigkeit, die jeden befällt, der sich anhören muss, was gut und böse, richtig und falsch sei, obwohl niemand mehr die Grundlagen dieser Unterscheidung zu erklären oder auch nur zu benennen vermag. Moral dient der Herbeiführung von Berechenbarkeit. Der Mensch ist, ich wiederhole es noch einmal, am berechenbarsten, wenn er pragmatisch handelt. Wenn er spielt.“

Juli Zeh: Spieltrieb

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Die Ansicht der Dachluke

Kamera ab. Das Traumpaar wartet auf sein Date - ein paar Geschäftsleute binden die Krawatten. Unsichtbar. Vielleicht wird mit Drogen gehandelt oder mit Zitronen. Auch George Clooney könnte kommen. Auf jeden Fall gibt’s Pizza. Die Sonne leckt über den Asphalt, und irgendwo bellt ein Hund. In der Luft der Geruch von Salami und Oregano. Am Sonnenschirm eine Botschaft. Dank an das Filmmuseum Turin.

Schnee verrät die Liebenden

Auch in früheren Zeiten gab es emanzipierte Frauen, wie die Legende von Emma, der Tochter Karls des Großen, verrät. 

Kelmis, um 773 n. Chr.: Rauhreif häkelte Spitzen um die Buchenzweige, ein glutroter Himmel kündigte den Winterabend an. Emma zog ihren Wollumhang fest um die Schultern und lugte durchs Fenster. Im Burghof und vor den Toren palaverten Getreue an den Feuern. Durch die Schießscharten fauchte ein Sturm, übertönt von den Befehlen des Vaters: Karl der Große liebte Kommandos und Schlachten. Jahr für Jahr trieb der Hüne im Zeichen des Kreuzes Kämpfer, Pferde, Ochsenkarren durchs Land – brutal, unerbittlich und ohne Rücksicht auf Gefahren. Nun kampierte er in der Eyneburg – mit seinen Gefolgsleuten, mit Frau und Töchtern, die ihn am Ende des Zuges begleitet hatten.

Emma war erschöpft. Die Feldzüge, die Überwinterungen in den Pfalzen, immer unterwegs, oft durchnässt, frierend, schwitzend – manchmal in Gefahr.

Sie war 18, eine Schönheit mit flachsblondem Haar und einem Geheimnis: Sie liebte Einhard, den Geheimschreiber Karls. Klein und zart war er, ein leiser Begleiter, der ihre Wünsche buchstabierte. Mit wärmendem Tuch schützte er sie vor der Zugluft, mit einem Vers erhellte  er ihr den Morgen und verstohlen folgte er ihren Schritten – mit wehmütigen Blicken.

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