Lass dich mal blicken, Biber

Biber

Leider finde ich oft nicht das, was ich suche. Eigentlich bin ich zu dem kleinen Waldteich gewandert, um endlich einen Biber zu sehen. Er soll dort wohnen in den schlammigen Gründen, umgeben von Fichten und Eichen, eingerahmt mit morastigen Ufern, an denen eine verlotterte Bank auf mich wartet. Immer wenn ich endlich mal wieder Zeit für sie habe.
Dort saß ich also, äugte aufs Wasser, suchte Biberisches, fand nur dann und wann ein  Glucksen an der sich kräuselnden Wasseroberfläche, nestelte dennoch an meiner Kamera und fotografierte in der Gegend herum.
Der Krauskopf oben ist der Dank. Ich habe ihn erst zuhause mit Liebe angeschaut. Das fotografische Auge sammelte ihn ein. Aber dass er sich so hübsch ins Licht reckt mit seiner moosigen und seiner plüscheligen Seite, habe ich in der Natur nur unterbewusst  wahrgenommen.
Manchmal ist es doch gut, eine Kamera zu haben, die dem Detail einen Sinn verleiht und das Kleine groß macht.

Michael zückt das Flammenschwert

Vlatten

Manchmal kommen Besucher von weit her, und wir zeigen unser Dorf. Immer ziehen wir auf den Hügel zur kleinen Kapelle St. Michael. Weiß reckt sie sich aus dem Gebüsch, ein friedliches Stück Land mit einer teuflischen Geschichte. Genau hier soll es gewesen sein; hier soll der Teufel den Plan geschmiedet haben, beim nächsten Unwetter, alles nieder zu reißen und das Kirchlein den Hügel hinab zu stürzen.
Doch der Erzengel St. Michael griff ein und zückte sein Flammenschwert. Satan sah es mit Entsetzen, sprang mit einem weiten Satz vom Hügel hinab, verewigte noch rasch seinen Fußabdruck auf einem Feldweg, floh in die Berge und wurde nicht mehr gesehen – zumindest nicht in Vlatten.
Neulich habe ich die Geschichte einem Gast aus Frankreich erzählt. Schon während ich plauderte, strahlte er und nickte und nickte. Endlich, als er zu Wort kam, erzählte er von einer ganz ähnlichen Teufelsgeschichte, von der ganz ähnlichen Rettung einer kleinen Kirche und von einem ganz ähnlichen Fußabdruck als Beweis, dass der Böse da war und erfolgreich vertrieben wurde.
Über die Grenzen hinweg ähneln sich die Geschichten, vor allem die alt überlieferten. Und über die Grenzen hinweg glauben wir an den Sieg des Guten. Aber merkwürdig – ohne Kampf können wir uns das Gute selten vorstellen – zumindest nicht in unseren Sagen, Märchen und Geschichten.
Da müssen wir Nachsicht üben mit den Schöpfern und Liebhabern von modernen Sagas wie „Starwars“: Sie kennen es nicht anders und müssen unermüdlich kämpfen. Schade, eigentlich.

Das ultimative Grün. Oder war es blau?

Das-Blau

Mitten im Raum stand ein großer Tisch und darauf lagen einige Farbtöpfe. »Schauen Sie, gestern habe ich das ultimative Grün erfunden. Ich habe wochenlang danach gesucht. Farn und Eichenblatt miteinander verglichen. Auch den Grashalm dazugelegt. Wer hat das schönste Grün? Nun ist es da. Schauen Sie.«
Er öffnete eine der Dosen, stellte sie direkt ins Sonnenlicht unter die Fensteröffnung, und Charlotte sah ein Grün, das leuchtete wie eine Wiese, aber durchmischt war von den irrlichternden Weiten des Himmels.
Inspiriert habe ihn Yves Klein, der mit seinem Ultramarin die Kunstwelt verblüfft hatte, ein Blau, das völlig einfarbig den Betrachter einsaugte in seine Magie. Er dagegen wolle niemanden verschlingen, sondern er wolle ermutigen mit diesem Grün; ein Gleichnis auf die Schönheit der Erde solle es sein, grenzenlos und voller Möglichkeiten.
So ganz konnte Charlotte seine Begeisterung nicht verstehen. Deshalb sagte sie einfach »nett« und fragte, ob er denn überhaupt male.
»Das ist nicht wichtig. Ich spiele. Ich spiele mit allem, was mir unter die Finger kommt. Vielleicht werde ich gleich auch malen. Ich weiß es noch nicht. Mal sehen. Das Schöne an einem langen Tag ist ja, dass jede Stunde eine andere Stimmung hat und andere Möglichkeiten. Ich weiß noch nicht, wonach mir heute um vier Uhr der Kopf stehen wird, vielleicht werde ich dann einfach irgendwo sitzen und ein Eis essen oder Flöte spielen. Wenn ich diesen inneren Regungen präzise folge, bin ich sehr glücklich. Im Augenblick, auf dem Punkt. Einfach im Leben. Seit ich so rumspiele, weiß ich nicht mehr, wie viel Zeit überhaupt verstrichen ist. Probieren Sie es doch mal aus.«

Aus dem Roman „Frau Kassel will Wunder“

Sonne über der Lasagne

Sonnenuntergang

Manchmal gehen wir mit Pia essen. Sie ist 82 und liebt Lasagne vom Italiener, zart gegart muss sie sein, auf keinen Fall kross überbacken. Das kann sie nicht kauen. Dann plaudern wir über Gott und die Welt, wobei ihr ersterer besonders gefällt. Sie ist fromm auf tiefgründige Weise und doch skeptisch gegenüber den Ränken der Kirche und ihrer Fürsten.
Beim letzten Essen wurde sie unruhig, kaum war der Nachtisch verzehrt. „Kommt, wir müssen noch auf den Hügel“, sagte sie. „Die Sonne geht unter.“ Eher unwirsch zahlten wir und folgten ihr  zum Burggemäuer. Wie beflügelt schritt sie voran – mit weiten Röcken und den derben schwarzen Schuhen, ohne die ich sie nie gesehen habe.
Heftig atmend erreichten wir das Plateau des Burgturms und waren sprachlos. Als wolle sich der Himmel öffnen, sahen wir dieses Bild. Glänzende Weite und eine Sonne, die sich in die Erde senkte.
Pia lächelte still. Sie muss es vorausgesehen haben, dieses Wunder – in genau dieser Sekunde.

 

Schreib doch, was dir einfällt

mozart-abend 3

Maria vom Unruhewerk hat wirklich etwas Beunruhigendes. Sie stellt gerne merkwürdige Fragen, die bohrend werden können, wenn sie nicht sofort beantwortet werden. Vor kurzem hat sie eine Blogparade gestartet mit der eigentlich einfachen Frage: „Wie viel Persönliches, Privates braucht oder verträgt ein Blog?“

Zuerst dachte ich, „blöde Frage“, ich schreibe, was mir gerade einfällt. Aber dann kam das Beunruhigende. Das stimmt ganz und gar nicht. Zumindest nicht für mich. Es ist nämlich eine Typfrage, ob es einfach so raussprudelt, das Persönliche und Private, oder ob fein ziseliert und in nette Worte gepackt um die Ecke gedacht wird .

Da wurde mir klar: Ich bin nicht so schnell heraus mit dem Privaten. Es ist mir eigentlich sogar unangenehm, viel von mir zu erzählen. Als alte Journalistin habe ich sowieso eine Schere im Kopf. Das Persönliche, so doziert jeder Chefredakteur, sollte hinten anstehen. Der gute Journalist darf sich nicht gemein machen mit irgendwas, schon gar nicht mit sich selbst.

Nun haben sich die Zeiten geändert. Mittlerweile entdecke ich in fast jedem Zeitungsartikel eine Meinung, und in den sozialen Netzwerken werden die „Gefällt mir“ unbekümmert in die Welt gestreut. Jedes ist eine Meinung, und jedes verrät ein Stück von uns selbst. Werden wir dadurch offener, freier?

Ich glaube nicht. Ich glaube, die einen werden perfekter in der Selbstinszenierung. Und die anderen mühen sich redlich um Authentizität – genau wie im richtigen Leben.

Nun geht’s aber an die Fragen von Maria:

  • Wie haltet ihr es mit der persönlichen Offenheit in eurem Blog?
    Für mich ein Problem. Vielleicht lerne ich irgendwann hinzu. 
  • Rechnet ihr?
    Um Gottes Willen. Wo käme ich hin nachzurechnen, wie viel Privates ich selbst erdulde. Das wäre der Tod meines Blogs.
  • Lasst ihr euch von Emotionen leiten? Oder müsst ihr gar nicht mehr drüber nachdenken, habt schon ein so gutes Gefühl dafür, was geht, was ihr wollt, womit ihr euch (noch) wohlfühlt?
    Meistens bin ich kontrolliert. Schade eigentlich. 
  • Gab es Situationen, in denen ihr persönliche Dinge gepostet habt, die euch unerwartet Bauchschmerzen gemacht haben? Oder die dumme Situationen und/oder Reaktionen hervorriefen? Welche Konsequenzen  in punkto persönlicher Offenheit habt ihr daraus gezogen?
    Wer Politisches zündelt, hat rasch die Nattern am Hals. Ich suche schon ein Leben lang nach einem dicken Fell. Leider vergeblich.    
  • Wünscht ihr euch, mutiger/offener im Netz zu sein, traut euch aber (noch) nicht? Habt ihr eure Sichtbarkeits-Strategien jemals bewusst geändert, von „Da halt ich mich mal lieber bedeckt“ zu „mehr Offenheit“ – oder umgekehrt? Oder haltet ihr solche Strategien ganz grundsätzlich für völligen Blödsinn? Wenn ja: warum?
    Siehe oben. Das ist eine Typfrage. Nur bedingt erlernbar.
  • Gibt es unter euch Blogger, die über diese Frage noch nie nachgedacht haben – und ich mach hier ganz unnötig die Pferde scheu? Oder habt ihr euer Blogthema von Anfang an schon bewusst so gewählt, dass ihr euch solche Fragen erst gar nicht stellen müsst? Wenn ja: Wie geht es euch damit? Fehlt euch da manchmal die „persönliche Note“?
    Ja. Manchmal wäre ich gerne persönlicher.  
  • Wenn ihr andere Blogs anseht: Mögt und folgt ihr eher denen mit „persönlicher Note“ – oder lieber jenen, die (so weit das geht…) „neutral“ daher kommen?
    Das kommt auf den Inhalt an. Es gibt Privates, das mich überhaupt nicht interessiert und tolle Themen, die mich wirklich anziehen. 
  • Wie viel Sichtbarkeit im Netz verträgt das berufliche, private und persönliche Selbst-Bild? Wie wägt ihr ab? Was zeigt ihr, wie viel von euch? Und was – warum? – nicht?
    Ich glaube, das öffentliche Schreiben ist einfacher, wenn viel Unbekümmertes einfließt. Nachdenken verdirbt den Schwung genauso wie die genaue Recherche. Also hilft es, einfach in die Tasten zu hauen. Übrigens scheinen mir das viele genau so zu machen. Zumindest auf Facebook. Wo sonst kämen die vielen Flüchtigkeitsfehler her? Mir gelingt das nicht so richtig. Aber wer weiß, ich mach einfach mal weiter.