Die 12 Rauhnächte – Die Zeit zwischen den Jahren

Ich habe noch eine schöne Ergänzung gefunden. Die Raunächte gleichen dem „stillen Punkt“, der Ruhe zwischen Einatmen und Ausatmen.

Ganzheitlich Schlafen

winter-1910.jpg!Large Vilhelms Purvitis – Winter, 1910

In unserer schnelllebigen Zeit ist es wichtig für uns, Momente der Ruhe und Besinnung zu schaffen. So wie die Nacht unseren Tag bestimmt, so schaffen wir im Winter die Voraussetzung für die folgenden Jahreszeiten.

In der Zeit zwischen den Jahren, von unseren Vorfahren auch Rauhnächte genannt, sollte Ruhe das höchste Gebot sein. Früher glaubte man, das übermäßige Aktivitäten in dieser Zeit Unglück bringe. Erschöpfung, Depression und eine Schwächung unserer Abwehrkräfte waren die Auswirkungen davon.

Als Rauhnächte bezeichnet man die Tage und Nächte zwischen dem 24. Dezember und dem 6. Januar, stellvertretend für die folgenden 12 Monate. Bei der Umstellung des Mondkalender (354 Tage) auf auf den Sonnenkalender (365 Tage) ergab sich eine Differenz von 11 Tagen und 12 Nächten. Diese Tage, die außerhalb der Zeit lagen, waren von der Geisterwelt beherrscht. Dementsprechend sorgsam gestaltete man die Rauhnächte. Was am 25. Dezember geschah war z.B. ein…

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Lass dich mal blicken, Biber

Leider finde ich oft nicht das, was ich suche. Eigentlich bin ich zu dem kleinen Waldteich gewandert, um endlich einen Biber zu sehen. Er soll dort wohnen in den schlammigen Gründen, umgeben von Fichten und Eichen, eingerahmt mit morastigen Ufern, an denen eine verlotterte Bank auf mich wartet. Immer wenn ich endlich mal wieder Zeit für sie habe.
Dort saß ich also, äugte aufs Wasser, suchte Biberisches, fand nur dann und wann ein  Glucksen an der sich kräuselnden Wasseroberfläche, nestelte dennoch an meiner Kamera und fotografierte in der Gegend herum.
Der Krauskopf oben ist der Dank. Ich habe ihn erst zuhause mit Liebe angeschaut. Das fotografische Auge sammelte ihn ein. Aber dass er sich so hübsch ins Licht reckt mit seiner moosigen und seiner plüscheligen Seite, habe ich in der Natur nur unterbewusst  wahrgenommen.
Manchmal ist es doch gut, eine Kamera zu haben, die dem Detail einen Sinn verleiht und das Kleine groß macht.

Michael zückt das Flammenschwert

Manchmal kommen Besucher von weit her, und wir zeigen unser Dorf. Immer ziehen wir auf den Hügel zur kleinen Kapelle St. Michael. Weiß reckt sie sich aus dem Gebüsch, ein friedliches Stück Land mit einer teuflischen Geschichte. Genau hier soll es gewesen sein; hier soll der Teufel den Plan geschmiedet haben, beim nächsten Unwetter, alles nieder zu reißen und das Kirchlein den Hügel hinab zu stürzen.
Doch der Erzengel St. Michael griff ein und zückte sein Flammenschwert. Satan sah es mit Entsetzen, sprang mit einem weiten Satz vom Hügel hinab, verewigte noch rasch seinen Fußabdruck auf einem Feldweg, floh in die Berge und wurde nicht mehr gesehen – zumindest nicht in Vlatten.
Neulich habe ich die Geschichte einem Gast aus Frankreich erzählt. Schon während ich plauderte, strahlte er und nickte und nickte. Endlich, als er zu Wort kam, erzählte er von einer ganz ähnlichen Teufelsgeschichte, von der ganz ähnlichen Rettung einer kleinen Kirche und von einem ganz ähnlichen Fußabdruck als Beweis, dass der Böse da war und erfolgreich vertrieben wurde.
Über die Grenzen hinweg ähneln sich die Geschichten, vor allem die alt überlieferten. Und über die Grenzen hinweg glauben wir an den Sieg des Guten. Aber merkwürdig – ohne Kampf können wir uns das Gute selten vorstellen – zumindest nicht in unseren Sagen, Märchen und Geschichten.
Da müssen wir Nachsicht üben mit den Schöpfern und Liebhabern von modernen Sagas wie „Starwars“: Sie kennen es nicht anders und müssen unermüdlich kämpfen. Schade, eigentlich.

Das ultimative Grün. Oder war es blau?

Mitten im Raum stand ein großer Tisch und darauf lagen einige Farbtöpfe. »Schauen Sie, gestern habe ich das ultimative Grün erfunden. Ich habe wochenlang danach gesucht. Farn und Eichenblatt miteinander verglichen. Auch den Grashalm dazugelegt. Wer hat das schönste Grün? Nun ist es da. Schauen Sie.«
Er öffnete eine der Dosen, stellte sie direkt ins Sonnenlicht unter die Fensteröffnung, und Charlotte sah ein Grün, das leuchtete wie eine Wiese, aber durchmischt war von den irrlichternden Weiten des Himmels.
Inspiriert habe ihn Yves Klein, der mit seinem Ultramarin die Kunstwelt verblüfft hatte, ein Blau, das völlig einfarbig den Betrachter einsaugte in seine Magie. Er dagegen wolle niemanden verschlingen, sondern er wolle ermutigen mit diesem Grün; ein Gleichnis auf die Schönheit der Erde solle es sein, grenzenlos und voller Möglichkeiten.
So ganz konnte Charlotte seine Begeisterung nicht verstehen. Deshalb sagte sie einfach »nett« und fragte, ob er denn überhaupt male.
»Das ist nicht wichtig. Ich spiele. Ich spiele mit allem, was mir unter die Finger kommt. Vielleicht werde ich gleich auch malen. Ich weiß es noch nicht. Mal sehen. Das Schöne an einem langen Tag ist ja, dass jede Stunde eine andere Stimmung hat und andere Möglichkeiten. Ich weiß noch nicht, wonach mir heute um vier Uhr der Kopf stehen wird, vielleicht werde ich dann einfach irgendwo sitzen und ein Eis essen oder Flöte spielen. Wenn ich diesen inneren Regungen präzise folge, bin ich sehr glücklich. Im Augenblick, auf dem Punkt. Einfach im Leben. Seit ich so rumspiele, weiß ich nicht mehr, wie viel Zeit überhaupt verstrichen ist. Probieren Sie es doch mal aus.«

Aus dem Roman „Frau Kassel will Wunder“

Sonne über der Lasagne

Manchmal gehen wir mit Pia essen. Sie ist 82 und liebt Lasagne vom Italiener, zart gegart muss sie sein, auf keinen Fall kross überbacken. Das kann sie nicht kauen. Dann plaudern wir über Gott und die Welt, wobei ihr ersterer besonders gefällt. Sie ist fromm auf tiefgründige Weise und doch skeptisch gegenüber den Ränken der Kirche und ihrer Fürsten.
Beim letzten Essen wurde sie unruhig, kaum war der Nachtisch verzehrt. „Kommt, wir müssen noch auf den Hügel“, sagte sie. „Die Sonne geht unter.“ Eher unwirsch zahlten wir und folgten ihr  zum Burggemäuer. Wie beflügelt schritt sie voran – mit weiten Röcken und den derben schwarzen Schuhen, ohne die ich sie nie gesehen habe.
Heftig atmend erreichten wir das Plateau des Burgturms und waren sprachlos. Als wolle sich der Himmel öffnen, sahen wir dieses Bild. Glänzende Weite und eine Sonne, die sich in die Erde senkte.
Pia lächelte still. Sie muss es vorausgesehen haben, dieses Wunder – in genau dieser Sekunde.