Jehovas rote Rosen

„Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, sie macht deine Rose so wichtig.“
Antoine de Saint -Exupéry: Der kleine Prinz

 

„Sollen wir sie abhacken?“ fragten wir im April und schauten auf die Rosentriebe, die an der Fassade baumelten. „Sie bekommt zu wenig Sonne und stört hier im Eingang. Ständig hängen die langen Triebe herunter.“

„Nein, bald beginnt  die Blühperiode. Sie soll noch einmal eine schöne Zeit haben.“

Eher lustlos wurden Zweige geschnitten, Triebe hochgebunden, und wir vergaßen die Rose.

Jetzt blüht sie schöner denn je, rot wirbelt sie ihre Pracht über meinen Kopf, wenn ich durchs Tor gehe.

Auch die Zeugen Jehovas, die gestern vor dem Haus standen, sagten voller Staunen: „Welch eine schöne Rose.“

Ich wusste, dass dies nur der Auftakt sein konnte und wappnete mich in Abwehr. Schließlich versuchte ich gerade zu ergründen, was fesselt an der Sprache von Marlene Streeruwitz.

Nervös nestelten sie an ihrer Bibel in der Hand und suchten nach dem richtigen Wort, das – so viel verstand ich – mir erklären sollte, „was bald passieren wird in der Welt…“

Ich dachte wieder an die Streeruwitz und dass ich lieber wissen wollte, was passiert in ihrer Sprache. Also wies ich die Beiden ab.

Jetzt sehe ich Jehovas Zeugen wieder vor mir und bedaure, dass ich sie nicht gefragt habe, warum sie bei ihrem schwierigen Geschäft  steife Anzüge tragen, die lächerlich wirken in der sommerlichen T-Shirt-Welt und wie sie zu alledem die Energie aufbringen, auf eine Rose zu achten, die beinahe unsichtbar gewesen wäre.

Vielleicht wissen sie etwas, was die Streeruwitz mir nicht sagen könnte.

Ich hätte sie fragen sollen.

 

Seele trägt das Wunderhorn

Verbirgt sich unter den Wurzeln ein Schatz? Solitär am Badewald bei Heimbach.

Auf den Hügeln der Eifel recken sich Einsiedler in den Himmel, oft sind es Linden, mächtig und groß. Und um manchen Stamm ranken sich Geschichten, die in Jahrhunderten weiter erzählt wurden. Manchmal steht ein sagenumwobener Schatz im Mittelpunkt, der in den Tiefen der Erde liegt, und nur mit einem Zauberspruch geborgen werden kann.   

Es war einmal eine arme Bäuerin, die lebte mit ihrem kleinen Sohn und einer mageren Kuh in einem kleinen Häuschen zwischen den Hügeln der Eifel. Ein Buchenwald schützte ihr Dach vor den wütenden Westwinden, ein Acker sicherte notdürftig das Überleben. Jeden Sommermorgen, wenn die Sonne über die Hügel stieg, verließ sie leise das Haus, um zur Feldarbeit zu gehen und stellte ihrem Kind einen Teller mit Milchreis und Wecken auf den Tisch.  Am Abend kehrte sie heim und freute sich, dass der Sohn ihr fröhlich entgegen sprang und dass der Teller leer gegessen war.

Eines morgens, als der Sturm besonders heftig an den Türläden polterte und ein kalter Regen das Land einschüchterte, entschloss sie sich, zuhause zu bleiben. Wie immer stand sie in aller Frühe auf, stellte einen Teller mit Brei auf den Tisch und ging in den Schuppen. Plötzlich hörte sie leises Klopfen. Neugierig öffnete sie die Tür einen Spalt breit, lugte hindurch und sah, dass ihr Söhnchen rief:

Komm doch, liebe Unke,
nasch vom dicken Brei

Kaum hatte der Junge sein Verslein beendet, raschelte es am Türrahmen und eine kleine,  warzige Unke, auffällig schwarz-gelb gemustert, hüpfte herein. Der Junge klatschte in die Händchen, hob das Tier zärtlich auf den Tisch und setzte sich gegenüber. Aus herzförmigen Augen sah die Unke den Kleinen an, und immer wenn er seinen Holzlöffel in den süßen Brei steckte, schleckte auch sie davon. Als die Beiden satt waren, bat der Junge: „Komm, sing mir Dein Lied.“ – Und die Unke stimmte leise klagend ihr melodisches „Mmmh-mmh-ha“ an – und noch einmal: „Mmmh-mmh-ha“ – „Wie schön Du singen kannst“, freute sich der Junge und versuchte, ihre Stimme nachzuahmen. „Mmmh-mmh-ha“

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Ziellos leben

Da nimmt jemand die Weltkugel von s(m)einer Schulter und sagt fröhlich: Leb doch einfach.

philosophisch leben

And now that you don’t have to be perfect, you can be good.

 John Steinbeck

Lange Zeit dachte ich, Ziele zu haben wäre das Wichtigste im Leben. Ohne Ziele kein Fortschritt, ohne Ziele keine Veränderung. Wenn man sich nicht vornimmt, etwas zu erreichen, dann wird man auch nie etwas erreichen. Man muss doch bewusst planen, wer und was man werden will, sonst wird man vielleicht jemand oder etwas, aber wer oder was genau man wird, das ist dann dem Zufall überlassen. Wenn man sich nichts vornimmt, wird man immer der unperfekte kleine Mensch bleiben, der man ist, immer unzufrieden mit sich selbst, oft im Stress, neidisch auf andere und den Blick sorgenvoll in eine ferne Zukunft gerichtet.

Seltsamerweise wird man aber auch mit Zielen niemals der perfekte Mensch sein, der zu sein man sich aus welchen Gründen auch immer vorgenommen hat. Man wird nicht einmal besonders zufrieden oder gar glücklich werden. Die Ursache…

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Über dem Schlachtfeld singen die Engel

Die Chlodwig-Stele von Ulrich Rückriem vor den Toren von Zülpich erinnert an die Chlodwig-Schlacht.

Noch immer rüsten Krieger auf, noch immer werden Schlachten geführt – im Namen Gottes. Und manchmal ist es sogar die westliche Demokratie, an die wir glauben sollen, um getrost in den Kampf zu ziehen.  Das meint auch Bundespräsident Gauck, der den segensreichen Einsatz der Waffen predigt, und sich damit in eine unselige Tradition stellt: Selbst unsere Sagen sind vom Glauben an die gerechte Schlacht durchsetzt, die unsere Weltordnung zurecht rückt. Ein Beispiel ist die Chlodwig-Sage. Nach seinem Kampf begründete der Frankenkönig das erste christliche Reich. Und das Abendland hatte einen neuen Gott:


Zülpich, 496 n. Chr.
Die Morgensonne wirft lange Schatten auf den Acker, und die dunklen Heerscharen scheinen näher zu kommen. Nur die Wälder trösten den Einsamen, der aufrecht und starr die Weite beherrscht. An Würde fehlt es nicht. Auch nicht an Stolz. Irgendwo im flirrenden Blau könnten Engel singen.

Doch der Held ist allein – unbeugsam und kraftvoll, das Schwert in der Hand. Um ihn herum der Geruch von Tod und Verderben. Fahnen flattern. Sein Pferd bäumt sich auf, Schaum vor dem Mund, die Nüstern angstvoll gebläht. Heftig fegt der Wind über die Ebene. Düstere Wolken dräuen am Horizont. Schreie künden von Unheil und Tod.

Chlodwig zögert. Er ist abgelenkt, unkonzentriert, ausgerechnet heute, am Tag der Entscheidungsschlacht. Der König der Franken denkt an Ingomar, den kleinen Sohn, der in seinen Armen starb, und an Chlothilde, seine fromme Gattin, die ihn beschwor, den Christengott anzurufen, bevor er sich in diese Schlacht gegen die Alemannen stürze, denn sicher ist: Hier, vor den Toren von Zülpich, wird sich sein Schicksal besiegeln.

Sein Blick geht in die Weite, wo die Speerspitzen der Alemannen im Licht der Sonne blitzen. Er hört ihre heiseren Rufe, sieht ihre Panzerungen, ihre Helme, ihre Holzwagen, ihre Pfeile und Bogen. Grellbunte Fahnen flattern im auffrischenden Wind, die Pferde wiehern und scharren nervös mit den Hufen.

Chlodwig zögert noch immer. Wieder denkt er an sein Söhnchen; zärtlich im Arm hielt er es, als es schwer erkrankte und schließlich starb. Und dies, obwohl er es auf Wunsch von Chlodhilde hatte taufen lassen: „Handelt so ein Gott der Christen?“

Chlodwig verbietet sich jeden weiteren Gedanken. Hoch reckt er sich im Sattel und versucht, sich zu konzentrieren. Er sieht die ratlosen Blicke der Getreuen, ahnt ihren Unwillen. Vorwärts. Endlich vorwärts preschen wollen sie. Den Gegner besiegen – hier auf dieser Ebene, direkt vor den Toren von Zülpich.

Da. – Die Alemannen setzen zum Sturm an. Gellende Schreie hallen über das Land. Der Boden vibriert von ungezählten Pferdehufen. Die Fußtruppen rücken näher – unaufhaltsam wie ein gewaltiger Sandsturm.

Chlodwig muss handeln. Er hebt das Schwert, gibt seinem Pferd die Sporen und prescht voran. Staub wirbelt auf. Die Heere rücken aufeinander zu, Mann gegen Mann. Lanzen zielen auf silberne Rüstungen, Pfeile bohren sich in Panzerhemden, jämmerlich schreiend gleiten Kämpfer aus den Sätteln, ein Teppich von Leibern bedeckt das Land, Pferde brechend stöhnend zusammen, der Boden glibbert von Blut. Und die Alemannen schreiten voran. Unaufhaltsam, siegesgewiss und in großer Überzahl.

Da hebt Chlodwig die Augen zum Himmel und fleht: „Schenk mir den Sieg, du Gott der Christen. Wenn ich diese Schlacht gewinne, lasse ich mich und mein Volk in deinem Namen taufen. Ich schwöre es.“

Plötzlich legt sich der Sturm. Chlodwigs Getreue fassen neuen Mut, kraftvoll führen sie Schwert und Lanze, treffsicher sind ihre Bogen. Entschlossen ist ihr Blick. Nichts lähmt mehr ihren Mut. Sie stürmen voran, und Chlodwig reitet unbehelligt durch die Reihen der Feinde. Er siegt – direkt vor den Toren von Zülpich.

Und über dem Schlachtfeld singen die Engel.