Flammendes Rot

Unter allen Gedichten über den Mohn gefällt mir das von Ludwig Uhland (1787-1847) am besten. Er beschreibt das Geheimnis, das diese Blume umgibt. Für ihn ist sie ein Quell der Inspiration.

Der Mohn 

Wie dort, gewiegt von Westen, 
Des Mohnes Blüte glänzt!
Die Blume, die am besten
Des Traumgotts Schläfe kränzt, 
Bald pupurhell, als spiele
Der Abendröte Schein
Bald weiß und bleich, als fiele

Des Mondes Schimmer ein. 

Zur Warnung hört ich sagen, 
Dass, der im Mohne schlief, 
Hinunter ward getragen
In Träume schwer und tief, 
Dem Wachen selbst geblieben
Sei irren Wahnes Spur, 
Die Nahen und die Lieben
Halt‘ er für Schemen nur. 

In meiner Tage Morgen,
Da lag auch ich einmal,
Von Blumen ganz verborgen,
In einem schönen Tal.
Sie dufteten so milde!
Da ward, ich fühlt es kaum,
Das Leben mir zum Bilde,
Das Wirkliche zum Traum.  

Seitdem ist mir beständig,
Als wär es nur so recht,
Mein Bild der Welt lebendig,
Mein Traum nur wahr und echt;
Die Schatten, die ich sehe,
Sie sind wie Sterne klar.
Oh Mohn der Dichtung! wehe
Ums Haupt mir immerdar!

Alles fein und silberrein

Ich hätte nicht gedacht, dass ich den Winter einmal vermissen würde. Hier im Westen wabert schon wieder Einheitsgrau über die Felder. Das Silberweiß lockte nur einen Tag lang nach draußen – so intensiv war der Genuss, dass ich den Winter ehren möchte – mit ein paar Zeilen aus – wie jeder sofort bemerken wird – alter Zeit:

Der Reif

Der Reif ist ein geschickter Mann:
O seht doch, was er alles kann!
Er haucht nur in den Wald hinein,
Wie ist verzuckert schön und fein
Ein jeder Zweig und Busch und Strauch
Von seinem Hauch!
 
Wie schnell es ihm von Händen geht!
Kein Zuckerbäcker das versteht.
Und alles fein und silberrein,
Wie glänzt es doch im Sonnenschein!
Wär‘ alles doch nur Zucker auch
Von seinem Hauch!
 
Doch nein, wir sind schon sehr erfreut,
Dass uns der Reif so Schönes beut.
O Winter, deinen Reif auch gib,
Uns ist auch Augenweide lieb,
Und ohne Duft und Frühlingshauch
Freu’n wir uns auch.
 
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874)