Traumverloren

Ein Gemälde, irreal wie ein Traum, gefunden auf einem Flohmarkt in Madrid. Die Leinwand lag in einer Ecke, unbeachtet, scheinbar wertlos. Wir waren sofort interessiert. Diese Kinder: Skizziert erscheinen ihre Körper, die blauen! Gesichter aber sind präzise gemalt, gleichsam lebendig in einer verschwindenden Welt. Womit spielen sie? Was interessiert sie? Das Ding in den Händen gleicht einem altmodischen Handy, aber gab es zu der Zeit, als es gemalt wurde, schon Handys?
Fragen über Fragen. Die Allerwichtigste: Kennt jemand zufällig ihren Maler? Keine Signatur, kein Zeichen weist den Weg zu ihm oder zu ihr. Aber er erweckt Aufmerksamkeit. Kein anderes Bild im Haus zieht so viele Betrachter an, die traumverloren vor dem Ölgemälde stehen und sich fragen, wer sie wohl sind, diese Kinder und wo sie so selbstvergessen spielen. 

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Ein Himmel voller Wunder

Was so naiv anmutet, ist der winzige Teil eines Wandteppichs der Sami-Künstlerin Britta Marakatt-Labba, der, stolze 23,5 Meter lang, eine Hallenwand der diesjährigen Documenta prägt. Wer sich den zarten Stickereien nähert, wird von Ungewöhnlichem berührt, denn die Künstlerin zeigt die Seelenwanderung ihres Volkes, die in einigen Passagen von hohen Himmeln voller Wunder erfüllt ist. Diese spirituelle Energie ist spürbar, ein Bild voller Verheißung, hinter der sich auch eine düstere Botschaft versteckt: Die Sami mit ihren riesigen Rentierherden sind vom Aussterben bedroht, weil Rohstoffjäger ihre Heimat im hohen Norden Europas gierig betrachten. Die zarte Kunst ist ein stiller Protest gegen die Willkür der Macht – der Documenta sei Dank, dass sie zur Diskussion beiträgt und uns zeigt, was es heißt, Spiritualität zu leben.