Glück im blauen Rand

Manchmal hat das Glück einen hellblauen Rand und lädt zum Kaffee trinken ein.

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Unendlich ziellos

Gerade bin ich ziellos im Netz herum geschweift, da entdecke ich eine Perle: „The book of Life“.  Und was ist der Text des Tages, verziert mit schönsten Fotos? Der Ratschlag, öfter mal aus dem Fenster zu schauen, ziellos wohlgemerkt. Also, nicht, um den Spatz auf dem Baum zu entdecken. Nein, ich soll einfach den Blick im Nirgendwo verschwinden lassen, ganz ohne Absicht. Das nämlich im Verbund mit süßem Nichtstun, so versichern die Autoren, öffnet den Blick auf innere Welten.
Der Ratschlag erinnert mich an eine kleine Reise nach Hiddensee. Seit ich in Jugendtagen von dem Eiland in der Ostsee erfuhr und hörte, dass es die Schwärmer, die Künstler und die Einsamkeit Suchenden genau dorthin zieht, wollte ich es sehen, das Schöne. Endlich ging mein Traum in Erfüllung. Doch leider. Der Tag war neblig grau, die Sicht reichte nicht weiter, als bis zur nächsten Baumreihe, vom Strandgras tropfte die Nässe.
Und doch: Merkwürdig wohlig war mir. Diese Stille, unterstrichen vom Getrappel einer Pferdekutsche, das ich schon wahrnahm, als die braven Tiere noch Kilometer weit entfernt waren. Diese Melancholie in jeder Perspektive. Dieses Gefühl, ganz und gar aus der Welt gefallen zu sein. Nirgendwo sonst habe ich es so intensiv gespürt.
Und dann stand ich oben auf dem Deich und schaute weit übers graue Meer wie durch ein Fenster ins Nichts. Ins weite Nichts.
Das habe ich fotografiert.
Und jetzt sehe ich, dass mir das Bild ein Zeichen gibt: Ja, ich habe wieder einen Traum abgehakt.

 

Nachher, wenn alles vorbei ist

Ich habe mich oft über diese Liebesschlösser gewundert. Mir erscheinen die Teile, verschlussfreudig und stahlhart wie sie sind, fast wie Verzweiflungszeichen, nach dem Motto: Wenn du einschnappst, wird nichts mehr unsere Liebe trennen.
Wie oft das dennoch passiert, wissen auch die Schlossbesitzer. Eine von ihnen, eine mir besonders liebe, ging mit mir und ihrem neuen Liebsten eines Tages an der Metallparade vorbei und warf mir kurz bevor wir am Vorgängerschloss vorbeikamen einen verzweifelten Blick zu.
Nein, nein, ich habe nichts gesagt. Nichts.
Und doch hat mich die Szene nachdenklich gemacht. Warum wollte sie partout nicht darüber sprechen, obwohl doch ihr Neuer vom Alten wusste. Steckt in dem Schloss vielleicht mehr als eine Geste? Könnte es sein, dass im Zuschnappen eine ganz tiefe Sehnsucht nach ewiger Liebe schwingt? Und könnte es sein, dass es sehr weh tut, wenn dies so sichtbar wird.
Nachher, wenn alles vorbei ist?

Los, jetzt!

Wenn mich jemand vor ein paar Tagen gefragt hätte, welcher mein Lieblingsfilm ist, hätte ich spontan geantwortet: „Die fabelhafte Welt der Amelie“ von Jean-Pierre Jeunet. Seitdem ich den Streifens 2001 oder 2002 in einem kleinen Programmkino gesehen habe, verfolgen mich die riesengroßen Augen von Audrey Tautou.
Ich erinnere mich an Fetzchen von Glück, die ich beim Sehen verspürt habe, als Amelie sich entschloss, das Leben ihrer Mitmenschen als gute Fee zu betreten und allerlei Chaos anzurichten.
Auch Paris sah ich mit ihren Augen und glaubte jedes Wort: „In diesem Augenblick ist alles perfekt: die Weichheit des Lichts, dieser feine Duft, die ruhige Atmosphäre der Stadt. Sie atmet tief ein, und das Leben erscheint ihr so einfach, so klar, dass sie eine Anwandlung von Liebe überkommt und das Verlangen, der gesamten Menschheit zu helfen.“ Auch das Gegenteil verstand ich, das schließlich ihre Jugend trübte:  „Tage, Monate und schließlich Jahre vergehen. Die Außenwelt erscheint Amelie so tot,  dass sie lieber ihr Leben träumt.“
Ach, hätte ich es doch bei den Erinnerungen belassen. Aber nein, ich wollte den Film unbedingt noch einmal sehen, jetzt, 13 oder 14 Jahre später, hatte sogar ein paar grauhaarige Freunde dazu geladen und wartete mit ihnen auf den Liebreiz von Amelie. Sicher, er war noch da. Aber die Länge des Streifens, die verblassten Bilder. Nein, irgendwie gefiel mir Amelie nicht mehr. Zu viel Zeit haben wir beide anderswo verbracht. Ich langweilte mich. Und es war unübersehbar. Auch die Freunde schauten verstohlen auf die Uhr.
Seitdem grübele ich über unsere Leben, die wir in all diesen Jahren lebten. Wie sehr wir uns verändert haben, ohne es zu merken, und wie sehr der Zeitgeist uns frisst. Im Fall von Amelie ist es so, dass ganze Ideen mittlerweile alltäglich sind. Wurde im Film noch umständlich erklärt, dass es Amelie gefällt, mit der Hand in einen Sack Linsen zu fahren, um die Weichheit der Hülsenfrüchte zu spüren, und dass sie es liebt, die Zuckerkruste auf der Crème Brulée knacken zu lassen, wird so etwas heute mit einem schnöden „Gefällt mir“ abgetan – samt erhobenem Daumen.
Und dennoch: Wenn ich jetzt darüber nachdenke. Die unterschwellige Botschaft des Films ist zeitlos: Sie besagt, dass Amelies Schicksal und das der Menschen, die sie beeinflusst, nicht vorbestimmt ist, sondern aus einer Reihe von Möglichkeiten besteht, die letztlich durch ihren Willen herbeigezaubert werden.
Und durch ihre Gedanken, möchte ich hinzufügen. Und das gefällt mir wirklich. Daumen hoch.
Deshalb überlasse ich das letzte Wort gerne dem Maler Raymond Dufayel, wunderbar gespielt von Serge Merlin, der Amelie endlich aus ihrer Traumwelt reißt und ins Leben schubst mit den Worten: „So, meine kleine Amélie. Sie haben keine Knochen aus Glas. Sie dürfen sich ins Leben stürzen. Die Chance dürfen Sie nicht ungenutzt vorbeiziehen lassen, sonst wird Ihr Herz mit der Zeit, nach und nach, so trocken und verletzlich, wie mein Skelett. Also, verdammt noch mal: Los jetzt.“