Wer liebt, hat schon verloren

Da liegt er auf meinem Schreibtisch, dieser Brief. Seltsam. Ich hatte ihn schon achtlos in den Papierkorb geworfen. Doch irgendjemand hat ihn mir wieder vorgelegt und mich zurück in die Vergangenheit gebeamt. Ins Jahr 1992, genauer gesagt.
Damals wollten wir – so hatte ich damals an keinen geringeren als den Schriftsteller Herbert Asmodi geschrieben – „ein Magazin auf die Beine stellen, das zunächst viermal im Jahr erscheinen soll und sich zum Ziel gesetzt hat, nach brauchbaren Ideen für ein besseres Morgen zu suchen“.
Vor diesem Hintergrund bat ich ihn um die Druckgenehmigung der Erzählung „Der kleine Bergsee“, die ich bei meiner Arbeit für  „Die Welt“ kennen gelernt hatte, und die mich beeindruckte wegen ihrer intensiven Warnung vor der Umweltverschmutzung. Ich schrieb Asmodi: „Nachdem ich in der Redaktion die Schlagzeile „Wer liebt, hat schon verloren“ für Ihren Text formuliert hatte, suchten wir ungewöhnlich lange nach einer Alternative, weil uns die negative Aussage in Zusammenhang mit der Liebe einfach nicht behagte.“
Das zeigt: Die Geschichte hatte niemanden kalt gelassen. Ich schrieb: „Gerade durch die so vertraute Sprache des Märchens führt sie aufs Glatteis, lullt uns ein, wiegt uns in schönen Sätzen, um dann das Ende umso eindringlicher und grausamer erscheinen zu lassen. Ein in seiner Intensität und Aussagekraft durchkalkuliertes Stück Literatur, das wahrlich voll aufs Herz zielt.“
Herbert Asmodi hat mir geantwortet auf diesen Brief. Schon vier Tage später. Er zeigte sich gerührt von meiner Anfrage, konnte mir aber nicht helfen, weil er den Text an einen Verlag gebunden sah. Er vertröstete mich ein paar Monate. Dann solle ich noch einmal anfragen.
Was daraus geworden ist? Unser Traum-Magazin ist nie erschienen. Und ich habe nie mehr an Herbert Asmodi geschrieben, der übrigens 2007 verstorben ist.
Heute bleibt mir nichts als die Freude über die Hoffnung und die Kraft, zu der ich damals fähig war. Dieser Glaube, die Welt ein Stück besser machen zu können – mit einem kleinen Magazin, das viermal im Jahr erscheint.
Ich gebe zu: Den Glauben habe ich verloren. Und manchmal fürchte ich, diese schreckliche Überschrift könnte tatsächlich stimmen: „Wer liebt, hat schon verloren.“
Zum Trost suche ich nach Bildern – irgendwo draußen: Neblige Weite, Strandhafer, Wildrosen und ein paar Pferde: Schönheit in einer wieder so bleiernen Zeit – und die Ahnung, dass sie eben nicht stimmt, diese Zeile: „Wer liebt, hat schon verloren.“
Es liegt an mir und an allen, die wissen, dass es ganz anders sein könnte.

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Der Sinn ist dahin

„Wer bin ich?“ ist die große Frage der Menschheit und Grundlage jeder Therapie. Für alle, die es leid sind, sich selbst dies immer wieder zu fragen, gibt es jetzt Rat von einer mir lieb gewordenen Internetseite „The School of Life“. Da drehen die Autoren einfach mal den Spieß rum und raten im nun beginnenden „Was-schenke-ich-wem-Weihnachtsspiel“: „Kaufen Sie dem Beschenkten etwas für sein besseres Selbst. Was möchte er sein?“
Als ich das las, war ich entsetzt: Ist es schon schweißtreibend zu überlegen, wer ich selbst bin, soll ich nun noch bei meinen Nächsten die tiefsten Wünsche erraten bzw. ihr wahres Selbst erkunden.
Im Vertrauen auf gute Ideen der Autoren bin ich sofort in ihren Shop gegangen und wurde bitter enttäuscht. Ich hatte die Wahl zwischen einer Leuchtschrift, die „Thank you“ verkündete, einem Abtrockentuch mit der Aufschrift „Cooking as Therapy“ und Karten, auf denen das Wörtchen „Calm“ prangt.
Was sonst noch im Angebot war, weiß ich nicht. Ich habe einfach nichts mehr erwartet, aber wieder eine Lektion gelernt: Sobald die Sinnsuche kommerziell wird, ist der Sinn dahin.

Mecki war mein Held

Nun hat er es ins Museum geschafft, der gute Mecki. Ich habe ihn sofort wieder erkannt. Er ist ja auch unübersehbar mit seinem stacheligen Haarschopf und diesem beständigen Grinsen. Sofort standen mir die Bilderbücher wieder vor Augen. Erste Comics waren es, etwas betulich aber überaus erfolgreich. In der Zeitschrift „Hörzu“ fanden sie Freunde, dann folgte die Bücherkarriere.
Mich haben sie fasziniert. Das große Format, die prächtigen Bilder und diese Abenteuer. Mecki war mein Held, der mich mühelos aus dem Kinderzimmer in exotische Welten zog und mir all den Mut gab, den ich brauchte.
Jetzt gibt es seine Abenteuer wieder im Reprint. Ob das gut geht? Ich werde es testen. Meine Enkel werden diesen Mecki kennen lernen.

Sehnsucht nach Süßem

Manchmal sitze ich hier in der Eifel, schaue hinaus auf die Pracht der gelben Herbstblätter und träume von fernen Metropolen. Turin ist mein Sehnsuchtsziel. Ich würde jetzt gerne durch die Arkaden schlendern, die von Baumeistern des Barock prächtig ausgestaltet worden sind. Immer wieder öffnen sie sich zu Plätzen und Gassen, locken in geheimnisvoll anmutende Läden und Cafés.
Dort, bei einem heißen Cappuccino, verliert der Herbst seine Kühle, während irgendwo draußen unter den Bögen eine Gitarre erklingt und Sehnsucht weckt – nach was auch immer. Sie lässt sich in Turin mit Süßem stillen: Die Konditoren der Stadt erfinden Verführungen wie „Baci di Cherasco“, und die Literaturfreunde wissen, dass so etwas schon Alexandre Dumas und Friedrich Nietzsche zu schätzen wussten. Sie wurden im „Bicerin“ gesehen, einem holzgetäfelten Café-Palast, wo sie gerne mit Schokolade verfeinerten Kaffee schlürften. „Das ist wirklich eine Stadt, die ich jetzt brauchen kann“, hat Nietzsche 1888 geschrieben.
Ich kann es verstehen.
Manchmal sitze ich hier in der Eifel, schaue hinaus auf die Pracht der gelben Herbstblätter und träume von fernen Metropolen…

Wohlig reckt sie ihre Glieder

Da räkelt sich die Dame lasziv in einem Ziegelgebirge. Das Bäuchlein ein wenig gewölbt, reckt sie wohlig ihre Glieder – an einem historischen Ort: Direkt vor der Marienkirche in Wismar liegt sie, inmitten einer aufgemauerten Trümmerlandschaft, auf der einst das mächtige Kirchenschiff stand. Nach schweren Verwüstungen im zweiten Weltkrieg wurde das Musterbeispiel mächtiger Backsteingotik zu DDR-Zeiten im Jahr 1960 gesprengt. Seitdem ragt nur noch der Turm in den Himmel.
Und die Dame?
Das liebe ich an der Kunst. Sie wirkt überall, vor allem aber an Plätzen, wo man sie am wenigsten vermutet, an geschundenen Orten. Dort zeigt diese kleine Bronzedame ihre wahre Größe, denn sie erzählt vom Leben, das aller Verwüstung trotzt und die Zeiten überdauert. –
Lässig, cool und wenn es sein muss sogar ein wenig trotzig.