Raus. Raus. Raus.

Heute können wir noch einmal saumselig unter Bäumen sitzen und die Zeit verplaudern. In diesem Fall bietet Maastricht die Kulisse, denn hier wird Geschmack groß geschrieben. Viele Häuser mühen sich, dem Image der Genießerstadt  Rechnung zu tragen: Fast 400 Kneipen und Restaurants kommen auf 125.000 Einwohner. Und auch die 16 Millionen Touristen im Jahr wollen verwöhnt sein. Auf jeden Fall gibt es für jeden Geschmack etwas und sei es das Ambiente eines malerischen Plätzchens, auf dem die Terrassen unter freiem Himmel zur Muße einladen – als gäbe es keine Sorgen auf der Welt.

Verwunschen, diese Welt

Auch wenn ich eine Frau bin, etwas eitel dazu, gefällt mir der Name „Altweibersommer“, zumal wenn er so prächtig daher kommt wie in diesen Tagen. Wer früh morgens durch die Wälder zieht, wenn noch Feuchtigkeit auf den Zweigen nistet und zarte Nebel schweben, entdeckt Geheimnisvolles. Die Sträucher sind über und über bedeckt mit silbrig gewebten Zelten, die wie Vorboten des Engelshaars wirken, das früher fast jeden Weihnachtsbaum schmückte. Verwunschen, ein wenig verloren wirkt die Welt, wie versteckt unter geheimnisvollen Hauben, in denen die Stille wohnt.
Nüchterne Zeitgenossen haben natürlich sofort eine Erklärung: Im Herbst segeln junge Baldachinspinnen auf selbst produzierten Spinnfäden durch die Luft und weben unermüdlich das Netz, auf dem die Tautropfen prächtig glitzern. Manchen erinnert so etwas an das graue Haar alter Frauen. Und mit „weiben“ wurde einst das Knüpfen der Spinnweben bezeichnet. Der Begriff Altweibersommer ist damit nicht mehr weit.
Mir jedoch gefällt eher die Idee, dass die drei Nornen, die das Schicksal weben, sich in diesen Tagen zeigen und um etwas Nachdenklichkeit bitten – am besten früh morgens in den Wäldern.

Im Topf die feurig-rote Suppe

Illustration: Heinz Edelmann. Aus Manuel Gassers "Köchel-Verzeichnis".

Wie es so ist: Da fiel mir plötzlich ein schmales Bändchen ins Auge, das schon lange im Regal, ich muss es zugeben, verstaubt. Schon das Titelbild, ein Topf mit dampfend-roter  Suppe auf einer Schreibmaschine, weckte Erinnerungen an Kochabende mit guten Freunden – bevorzugt wurden Rezepte, die ich nicht kannte.
Dabei stand mir oft „Manuel Gassers Köchelverzeichnis“ zur Seite. Der Autor verstand es, mich über kochende Freunde und Verwandte plaudernd zu einem Rezeptchen zu führen und dann ganz nebenbei die Ingredienzien zu verraten. Da war zum Beispiel von Marie F. die Rede, die das obige Bild schön ziert, und die ihre Gerichte in „ersten Kreisen“ fand, denn sie verkehrte „wie die Altkleiderhändlerin Frau Stuhl“ in den „Buddenbrocks“ bei besonders feinen Leuten, wo sie ab und zu ein Quentchen vom Glück in Form eines Rezepts erhaschen konnte. Aber auch die Arme-Leute-Küche war Manuel Gasser manches Wörtchen wert, und ganz entzückt war er von „Delikatem aus dem Inneren des Kalbes“.
Ich erinnere mich, wie er mich zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben verführte, die Ochsenzunge zuzubereiten. Und dies, obwohl ich vorgewarnt war, las ich doch, dass der Sonntag den Zwei-, Drei- und Vierstünder-Rezepten gehört.
Nie werde ich vergessen, wie ich die riesige Zunge mit spitzen Fingern wusch, dabei ihr Äußeres mit Argwohn betrachtete, mich während des dreistündigen Garens unter seltsam duftenden Dämpfen ständig fragte, ob das wirklich jemand essen wolle, um dann das schuppige Äußere abzuhäuten. Geradezu erleichtert war ich, als ich das Exemplar endlich in Stücke schneiden durfte, um die merkwürdig nach oben gebogene, platt zulaufende Form nicht mehr sehen zu müssen.
Ihr merkt schon: Das war jetzt nicht so ganz richtig was für mich. Aber diese Erinnerungen…

Danke Manuel Gasser.

Klick, klick, Kartenglück

Ihr kennt das alle: Da macht ihr ein paar Klicks, verbindet euch mit Menschen und schreibt ein paar liebe oder deutliche Worte. Dabei frage ich mich manchmal, wer wohl hinter den Worten steckt, was er denkt, wenn er nicht schreibt, was er macht, wenn er nicht beobachtet wird, warum er das sagt, was er sagt, wie er redet, wenn er nur mit sich redet.
Oft hilft ein Bild weiter, Gesichter sind zu sehen, aber die Fragen bleiben. Bei Virginia und Christoforo sehe ich zwei Gesichter, sie sehen glücklich aus, verliebt. Die Beiden schmiegen sich ganz nah aneinander und strahlen mich an. Lange habe ich mir ihr Foto angeschaut: Sie zählten zu den ersten, die auf ihrem Blog „Privatereadersbookclub“ eine wunderbare Kritik über meinen Roman „Frau Kassel will Wunder“ geschrieben haben:
http://privatereadersbookclub.com/…/gelesen-buchtipp-frau-…/
Fünf Sterne gab’s obendrein und schmeichelnde Worte: „…habe das Buch in einem Rutsch verschlungen. Und DAS passiert mir eigentlich eher selten.“
Ohne Frage: So etwas macht glücklich.
Und nun? Die Story geht weiter. Nach Wochen flattert mir eine Karte ins Haus. Abgestempelt in der Schweiz. Das digitale Nichts wird zum materiellen Etwas. Ein Brunnen ist zu sehen, dazu herzliche Grüße.
Ach, Virginia und Christoforo, wenn es euch nicht gäbe, hätte ich keinen Beweis für Seelenverwandtschaft, die auf Buchstaben transportiert werden kann – über Kilometer, Länder und digitale Netzwerke hinweg.
Ich werde eure Karte hüten und als Ansporn ansehen. Auch wenn Quellen und Brunnen versiegen, solange es so viel Zuwendung für das geschriebene Wort gibt, ist mir nicht bange.

DANKE.

Unbezahlt, aber anziehend

Wer morgens nichtsahnend durchs holländische Valkenburg bummelt, trifft diesen Herrn. Garantiert. Er schleicht zum Bock, etwas sorgenvoll. Unter ihm die Geul, hinter ihm die Wohnung, vor ihm eine Horde staunender Touristen, die ihn auch mittags und abends ans Motorrad schleichen sehen. Er gehört nun mal zum Stadtbild, als persönliche Einlage sozusagen – unbezahlt, aber äußerst anziehend.
Schaut selbst, wenn ihr mal vorbeikommt, Richtung Innenstadt, dann rechts über die Brücke bis kurz vor der Kirche.
Ach, was: Ihr werdet ihn schon finden.

Die armen Seelen jagen

Draußen "Sie" und drinnen das Nachttöpfchen.

Moore waren von altersher umgeben von Grauen und Geheimnis. Wie sehr das „Hohe Venn“ in Ostbelgien einst gefürchtet und gehasst war, hat die Eifeler Schriftstellerin Clara Viebig in ihren Büchern hautnah geschildert.
Heute ist das beinahe vergessen. Schnellstraße ziehen durch die Landschaft. Heerscharen von Wanderern in Schnürschuh und Anorak marschieren durch die Weite. Nur wenn es dämmert oder ein unerwarteter Sturm den Touristen überrascht, wird es noch vorstellbar, das Grauen, das sich in Clara Viebigs Sprache der Romantik so anhören könnte:

Gerret wird nie warm. Selbst nachts, wenn er sich mit der Mutter ein Bett teilt, denkt er fröstelnd an „Sie“, die draußen hockt im Venn; „Sie“ mit den „schweren, nachtdunklen Flügeln“. – Und wenn die Nebel sich über den Rinnsalen wälzen, wenn die Stürme ums Haus jaulen, hört er die armen Seelen jagen, schreiend und wehklagend, die Seelen der Verlorenen, der Verirrten, die nie mehr den Weg hinaus fanden, hinaus aus dem Moor.

Letzter Absatz aus dem Bildband „Das Hohe Venn“.