Hinter der magischen Tür

Schon oft war ich in der Stadt. Doch noch nie hatte ich diesen Laden gesehen hinter den sonst stets geschlossenen Eingangstoren. Jetzt war es mir, als habe sich eine magische Tür geöffnet. Dahinter Krimskrams aus alter Zeit. Und diese Bilder. Szenen aus Mallorca: Schiffe, Städte. Und drei Frauen. Ich entdeckte sie sofort im Halbdunkel. Selbstbewusst feixten sie mich von der Leinwand an. Ich dachte: Der Maler kann keine Hände zeichnen.
Die Drei lachten, als wollten sie sagen: Irgendwann wirst auch du das Wesentliche sehen.

Ach, wäre ich doch dort

Seit Paul Watzlawick gefragt hat „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“ wissen wir, dass nichts so ist, wie es scheint. Aber es verblüfft doch immer wieder. Zum Beispiel dieser träumerische Blick durch den Oleanderbusch auf einen lauschigen Hafen. Ich höre die Romantiker seufzen: „Wie schön. Ach, wäre ich doch dort.“ In diesem Fall auf Mallorca.
In Wahrheit steht die Fotografin auf einem Scherbenhaufen zwischen den Relikten eines Einkaufszentrums, das schon seit Jahren die Tore geschlossen hat, aber nicht beseitigt worden ist – warum auch immer. Will man wirklich dort sein?
Sei es drum. Der Blick hinunter in den Hafen ist trotzdem grandios. Zweifellos.
Also lassen wir es dabei – und schauen entspannt und ausschließlich in diese Richtung.

Präludien zum Geblök der Schafe

Der Garten der Kartause im Kloster Valdemossa.

Welch eine Geschichte: Da reist die streitbare Schriftstellerin und Feministin George Sand mit ihrer großen Liebe, Frederic Chopin, Mitte des 19. Jahrhunderts nach Mallorca, ausgerechnet im Winter und ausgerechnet in die raue, wilde Bergwelt des Klosters Valdemossa.
Berauschend schön ist die Landschaft, aber garstig sind ihre Bewohner – weltfremd und ganz gar nicht entzückt darüber, dass das Paar aus Paris sich in der Kartause des Klosters einnistet. Hinter vorgehaltener Hand wird gemunkelt, dass Chopin an Tuberkulose leidet – einer Krankheit wie ein Schreckgespenst. Zu allem Überfluss lassen die Beiden ein Klavier in die Berge hieven, es wird erzählt ein Esel habe es getragen. Fortan erklimpern Präludien zum Geblök der Schafe.
Und George Sand spart nicht mit ätzenden Beobachtungen über die Dummheit und Stumpfheit der Mallorciner, zumindest nicht in ihrem Tagebuch „Ein Winter auf Mallorca“. Eigentlich wollte sie es schreiben, um die erste zu sein, die der Welt die zauberhafte Insel vorstellt, doch dann verzettelt sie sich: Geographische Einlagen wechseln mit Hasstiraden auf das ruppige, feuchte Wetter und die ungeselligen Nachbarn.
Wie auch immer: George Sand und Chopin sind auch fast 200 Jahre nach ihrer Abreise in Valdemossa ein Touristenmagnet. Sands Tagebuch liegt tausendfach in den Geschäften, gleich neben T-Shirts und Kappen, Sonnenbrillen und Badehosen.
Und die Kartause, jener geheimnisvolle Ort, an dem das Paar seinen Winter verbrachte, darf besichtigt werden – drei kleine Zimmer öffnen sich in einen Traumgarten, der den Blick weitet übers Land, das sich verschwenderisch ausbreitet – bis es im Meer ertrinkt.
Nein, malerischer kann niemand leben. Da hatte Chopin recht, als er im Vorfeld der Reise schrieb: „Ich werde wahrscheinlich in einem herrlichen Kloster in der schönsten Lage der Welt wohnen. Vor mir werde ich das Meer haben, die Berge, die Palmen. Oh, mein Freund, ich lebe auf!“
Wer derlei heute nachempfinden möchte, darf nicht zimperlich sein, was moderne Tourismusvermarktung angeht. Die Besichtigung der Kartause kostet einen Extra-Obulus zum Kloster-Eintrittspreis und wird als überraschende Einlage erst während des Rundgangs kassiert.
So geschäftstüchtig schröpft man nur Touristen. Und sie kommen dennoch, zu tausenden.
Zu romantisch ist sie, diese Geschichte.