Jehovas rote Rosen

„Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, sie macht deine Rose so wichtig.“
Antoine de Saint -Exupéry: Der kleine Prinz

 

„Sollen wir sie abhacken?“ fragten wir im April und schauten auf die Rosentriebe, die an der Fassade baumelten. „Sie bekommt zu wenig Sonne und stört hier im Eingang. Ständig hängen die langen Triebe herunter.“

„Nein, bald beginnt  die Blühperiode. Sie soll noch einmal eine schöne Zeit haben.“

Eher lustlos wurden Zweige geschnitten, Triebe hochgebunden, und wir vergaßen die Rose.

Jetzt blüht sie schöner denn je, rot wirbelt sie ihre Pracht über meinen Kopf, wenn ich durchs Tor gehe.

Auch die Zeugen Jehovas, die gestern vor dem Haus standen, sagten voller Staunen: „Welch eine schöne Rose.“

Ich wusste, dass dies nur der Auftakt sein konnte und wappnete mich in Abwehr. Schließlich versuchte ich gerade zu ergründen, was fesselt an der Sprache von Marlene Streeruwitz.

Nervös nestelten sie an ihrer Bibel in der Hand und suchten nach dem richtigen Wort, das – so viel verstand ich – mir erklären sollte, „was bald passieren wird in der Welt…“

Ich dachte wieder an die Streeruwitz und dass ich lieber wissen wollte, was passiert in ihrer Sprache. Also wies ich die Beiden ab.

Jetzt sehe ich Jehovas Zeugen wieder vor mir und bedaure, dass ich sie nicht gefragt habe, warum sie bei ihrem schwierigen Geschäft  steife Anzüge tragen, die lächerlich wirken in der sommerlichen T-Shirt-Welt und wie sie zu alledem die Energie aufbringen, auf eine Rose zu achten, die beinahe unsichtbar gewesen wäre.

Vielleicht wissen sie etwas, was die Streeruwitz mir nicht sagen könnte.

Ich hätte sie fragen sollen.

 

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