Liebesbrief an die schweigende Welt

In diesen Wochen kuschele ich mich gerne ins Dunkel der Tage. Es wärmt und ermutigt mich, ruhiger zu werden, mehr zu fühlen, intensiver zu sein, langsamer zu atmen. Ich bin sogar traurig, dass seit dem 21. Dezember das Licht wieder zunimmt. Wenig zuerst, zugegeben, kaum spürbar, aber doch amtlich. Kalendarisch amtlich.

Doch noch sind sie da, diese Sekunden, in denen der dunkle Himmel aufreißt und ein paar Sonnenstrahlen gleißend auf düstere Wolken fallen. Alles ist unwirklich. Gespenstisch. Nie gesehen. Oder die Abende, an denen rosa Wolken den grauen Himmel betupfen, weil sie noch einen Strahl auffangen, bevor sie im Schwarz der Nacht versinken.

Am meisten hat mich die Christrose überrascht. Ich schaute hinaus in den abgespeckten Garten mit seinen dürren Zweigen, die sich anklagend in die Höhe recken, als wollten sie nie wieder ergrünen. Und plötzlich sah ich dieses klare Weiß hinter einem Gehölz. Es war, als hätte es sich in der Nacht herausgeputzt, um in Schönheit zu erblühen. Ich schwöre: Vorher hatte ich es nicht gesehen. Die Knospen erschienen mir verschlossen, schlafend. Und jetzt war sie da. Diese strahlend-weiße Rose mit ihrem gelben Stern in der Blütenmitte.

Ein Wunder? Warum nicht. Ein Zeichen, dass sich Wachstum regt. Unbeachtet, ungesehen und doch machtvoll, wie alles, was entsteht – im Reich des Dunkels.

Die Christrose

In der schweigenden Welt,
Die der Winter umfangen hält,
Hebt sie einsam ihr weißes Haupt,
Selber geht sie dahin und schwindet
Eh`der Lenz kommt und sie findet,
Aber sie hat ihn doch verkündet,
Als noch keiner an ihn geglaubt.

Johannes Trojan

3 Gedanken zu “Liebesbrief an die schweigende Welt

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