Wo Bären Schule spielen

Der Journalist Gabor Steingart hat in seinem Pioneer-Newsletter den Besuch auf einem Eifeler Weihnachtsmarkt wie eine Reise in eine andere Welt beschrieben: Ganz normale Mitmenschen erfreuten sich an Lebkuchen und Lichtern, kauften Holzspielzeug und duftende Gewürzherzen, schlenderten, ein Kleinkind an der Hand, durch die Budenreihen und schnupperten den Duft von Würstchen und Pfannkuchen. Niemand genderte oder schaute ängstlich auf den Nachbarn, kaum einer trug Maske oder redete über die Krisenstimmung des Tages, alle witterten eisige Winterluft und wärmten die kalten Hände am Glühwein- oder Punschglas.

Ich war mit einer Freundin in Düsseldorf, und auch für mich war es eine entspannende Reise auf die Schokoladenseite der Welt. Von der Höhe des hellerleuchteten Riesenrads wirkte das Budengewirr wie eine Puppenstube, und überall traf ich gut gelaunte Passanten, die einen Abend Glück pachteten.

Dicht gedrängt standen sie vor dem Schaufenster eines Kaufhauses, das die Steiff-Bären zum Leben erweckt hatte. Wir nahmen Einblick in ihre Zimmerchen, wo sie werkelten, schrieben, Süppchen kochten und am Herd plauderten. Sogar Mecki, der Igel meiner Kindheit, war zu sehen und weckte Erinnerungen. Wie habe ich ihn geliebt.

Kaum wieder zuhause fielen mir ein paar Zeilen von Peter Zirbes in die Hände. Der Eifeldichter lebte von 1825 bis 1901 in einem windschiefen Häuschen in Niederkall und verdiente als fahrender Steinguthändler sein karges Brot.

Er liebte es, Verse zu schmieden. Und auch wenn er dafür zu Lebzeiten nur Hohn und Spott erntete, so sind uns seine Gedichte erhalten geblieben, und sie lassen ahnen, was es heißt, im Märchen zu leben und Kinderglück zu spüren, auch ohne Glühwein und heiße Würstchen.

Lest selbst:

Nun weht die Nacht den kühlen Schleier,
umhüllend leise Wald und Feld,
den Reigen führt zur Himmelsleiter
der Mond dort an, am blauen Zelt.
Hoch über Tannenwipfeln ziehn
Schneewölkchen, gleich verirrten Lämmern,
und freundlich mir ins Antlitz glühn
die Sterne durch der Zweige Dämmern.

Von Geistern und verwünschten Grafen
hielt ich ein Büchlein in der Hand,
da überkam es mich, zu schlafen,
vergeblich war mein Widerstand.
Es sang ein zauberhaftes Lied
der Quelle heimliches Gemunkel,
und Augenlid um Augenlid
schloss matter sich im halben Dunkel.

Doch welche nie gehörten Klänge
mir schlugen plötzlich an das Ohr?
Ich sah ein wundersam Gedränge
aus Wasser, Fels und Laub hervor,
wie oft ich las in alter Zeit,
hört mir zu Häupten und zu Füßen
ich nun die Wildnis, nah und weit,
sich traulich hin und wieder grüßen.

Von Heinzelmännchen, grauen Zwergen,
von Wasserfraun mit goldnem Haar,
von Gnomen aus den finstern Bergen,
von Nixen, Elfen sonderbar!
Viel Hunderte! Auf jedem Blatt,
sah ich sie lustig sich erzählen
und durcheinander, nimmersatt
klangs süß und traut aus allen Kehlen.

Eigentlich wird das Haus gerade abgerissen. Aber dennoch wurde es mit weihnachtlichem Glanz und Liebe geschmückt.

Wie in der Puppenstube.

Hoch hinauf in die Nacht.

Traumhaus oder Häusertraum: Entscheidet selbst.

2 Gedanken zu “Wo Bären Schule spielen

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