Ein Spruch heilt jede Wunde

In der Eifel gibt es Spruchheiler. Davon sind die Alteingesessenen überzeugt. Vertraulich werden Adressen getauscht und Telefonnummern verraten. Ich habe eine der Heilerinnen besucht und die Begegnung in meinem Roman „Frau Kassel will Wunder“ notiert. Hier ist die Szene.

Klein und gebeugt begrüßte ihn Lucie mit wachen, prüfenden Augen. Sie führte ihn in ihr kleines Wohnzimmer, das mit seinen übergroßen Sesseln wie eine überladene Puppenstube wirkte, und bot ihm ein Glas Wasser an. Dann setzte sie sich ruhig hin und wartete, was er sagen würde.

»Ich habe gehört, dass Sie als Spruchheilerin arbeiten. Das interessiert mich. Ich bin Arzt und suche nach Phänomenen der Heilung. Wären Sie so freundlich, mir über ihre Arbeit zu berichten?«

Sie schaute ihn verschmitzt an.

»Ich kann da nicht viel erklären. Meine Mutter hat mir einen Spruch übertragen, der bei Brandwunden sehr wirksam ist. Ich kann damit die oft unerträglichen Schmerzen nehmen und manchmal heilt alles ohne Narben. Die Leute sollten trotzdem noch einen Arzt aufsuchen. Für alle Fälle. Ich bin sozusagen die erste Hilfe.«

Paul schaute sie an. So selbstverständlich klangen ihre Worte, als könne sie nicht verstehen, dass er überhaupt danach fragte, dass er nicht wusste, wie schnell das Selbstverständliche in Ungewöhnliches umschlagen kann, wie nah der Alltag dem Wunder ist, ja, dass dies alles zusammengehört.

Er räusperte sich.

»Würden Sie mir denn den Spruch verraten?«

»Natürlich nicht. Das ist nicht üblich. Er ist mir ja persönlich übertragen worden. Ich weiß nur: vor meinem Tod muss ich ihn weitergeben an einen Heiler, der meine Aufgabe weiterführen will und wird.«

Paul schaute sich im Zimmer um. Alles atmete Gewöhnliches. Die leise Wanduhr, die gerade die Stunde schlug, die penibel aufgehängten Gardinen, der Kohleofen in der Ecke. Und doch war für ihn alles umwoben von einem Schleier des Geheimnisvollen.

Was sollte er sie fragen? Sie wartete offensichtlich auf einen Anstoß, nur um wieder betonen zu können, dass es eigentlich nichts zu sagen gebe, dass alles ganz selbstverständlich sei – in tausenden von Jahren weiter getragen von Generation zu Generation.

»Ärzte stehen uns oft skeptisch gegenüber. Deshalb freue ich mich, dass Sie so interessiert sind.«

»Ja. Ich wüsste so gerne mehr.«

Sie zuckte mit den Achseln, als könne sie ihm da wirklich nicht helfen, als gebe es einfach nicht mehr zu berichten.

»Können Sie sich denn erklären, woher diese Kräfte kommen?«

»Ja. Von oben.«

Sie schaute in den Himmel und schlug ein Kreuz. Dann lächelte sie.

»Mögen Sie noch ein Glas Wasser? »

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