Lass meine Arme in den Himmel wachsen

Stille ringsum, nur ein paar Vögel zwitschern, die Schritte sind gedämpft, steil zieht der Pfad bergan, „dem Leben auf der Spur“: Wer sich auf diese Idee einlässt, kann Plattitüden in ein Erlebnis verwandeln. Arg verschlissene Wörter wie „Achtsamkeit“, „Mono-Kultur“, „Vielfalt“, „Werden und Vergehen“ erhalten auf dem Schöpfungspfad im Nationalpark Eifel ihren Wert zurück. Ja, sie animieren zum Nachdenken und Meditieren  – mit allen Sinnen -, getreu dem Motto: „Wo kann man besser Gott erfahren als in dessen eigener Schöpfung?“

Der ganz besondere Weg führt durch ein „HERRliches Fleckchen Natur“.  Gleich hinter Hirschrott empfängt ein junger Buchenwald den Wanderer. Auf einer Tafel ist hier „Achtsamkeit“ das Losungswort, umrahmt von einem Gedanken des Bernhard von Clairvaux: „Glaube mir, ich habe es erfahren: Du wirst mehr in den Wäldern finden als in den Büchern. Bäume und Steine werden Dich lehren, was kein Lehrmeister Dir zu hören gibt.“

Das ist in diesem Wald keine Floskel. Denn schon an der zweiten Tafel, betitelt mit „Mono-Kultur“, ahnt der Wanderer, was es heißt, wenn im Gegensatz dazu allein Gewinnstreben die Welt regiert: Die Fichtenkulturen, durch die der Weg weiter bergan zieht, wirken erstarrt, fast tot; eine von Menschen gemachte Landschaft, die vor allem eins bringt: Geld.

„Eintönigkeit ist die Mutter der Langeweile und des Schlafs“, sagt dazu Johann Georg Sulzer, und der Wanderer entdeckt die nächste Lektion, die sich um „Werden und Vergehen“ rankt, und ihm Bilder von morbider Schönheit zeigt: Im Todholz wächst eine Vielzahl von Pflanzen. Pilzranken schmiegen sich an marode Baumstämme, moosgrün ist der Stumpf auf einem Teppich von Buchenblättern.

In Stationen erzählt der Schöpfungspfad die Geschichte vom Leben. Die Schauplätze wechseln; Orte tiefer Dunkelheit bieten „Hindernis und Schutz“; dann öffnet sich der Weg „zwischen Erde und Himmel“ und angesichts riesiger Buchen bittet der Satz von Werner Kallen: „lass meine füße in die erde wurzeln und meine arme in den himmel wachsen.“

Hoch oben bietet die Leykaul gleißendes Tageslicht und eine „Ruhezeit“ auf Bänken,  dazu den weiten Blick übers Land. Hier ist der eigene „Weg zur Mitte“ möglich, in einem Labyrinth in kretischer Form mit sieben Umgängen.

Noch einmal dürfen wir innehalten, uns unserer „Verantwortung“ bewusst werden und die Schönheit ringsum betrachten. Bereichert mit Worten und Zitaten aus Christentum, Judentum und Islam; Religionen, die in Bibel, Thora und Koran bekennen: „Gott ist Schöpfer allen Lebens, in der Schöpfung zeigt sich Gott…“

Das Netzwerk Kirche im Nationalpark bietet spirituell begleitete Wanderungen an. Doch nicht nur in Corona-Zeiten ist es sinnvoll, allein durch diesen Wald zu ziehen. Das stärkt die Meditation und die Erkenntnis, wie sehr alles mit allem verwoben ist.

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