Intuitiv U-Bahn fahren

Welch ein Palast: Majestätisch das Gewölbe, weit die Säle, erlesen die Wandfarben. Hohe Rundbögen laden zum Durchschreiten ein, und an den Decken leuchten Lampen in strahlender Runde. Hier herrscht der Fahrgast in seiner U-Bahn-Pracht.

Allerdings müssen wir nach Moskau fahren, um derlei zu erleben. Wer in München oder Köln bleibt, sieht kahle, verschmierte Wände mit läppischen Stationsnamen und muss sich konzentrieren, an der richtigen Stelle auszusteigen. Gleich ist das Bild an allen Stationen, gleich sind die Symbole, die Schilder, die Gegenstände. Ermüdend gleich.

Im Hamburger „Museum für Kunst und Design“ zeigt uns der Superstar des Grafikdesigns, Stefan Sagmeister, was dahinter steckt: Zusammen mit Jessica Walsh präsentiert er „Beauty“, eine Ausstellung über Schönheit. Überall suchen die Beiden nach Schönem und machen auch vor Büchern nicht Halt: Wie oft kommt das Wort Schönheit darin vor? Die Antwort ist verblüffend: Im Jahr 1800 war das fünf Mal so häufig wie 2000. Ist uns die Schönheit abhanden gekommen, zum Beispiel auch in deutschen U-Bahnhöfen?

Doch langsam, es geht auch anders: Damit wir nicht völlig entmutigt werden vom kühlen Design, das sich seit Jahrzehnten bis ins Seelenlose verliert, zeigt die Ausstellung auch positive Beispiele für die Beseelung von Räumen. Zum Beispiel die russischen Metrostationen. In ihnen konnten sich Designer verwirklichen, um jedem Haltepunkt ihren individuellen Stempel aufzudrücken.

Wenn wir Sagmeister und Walsh glauben können, hat das sogar einen Nebeneffekt, der bis ins Unterbewusste wirkt:

Im Moskauer U-Bahn-System kann man Musik hören, tagträumen oder ein Buch lesen, und man merkt intuitiv, wann man angekommen ist. Man muss sich nicht verrenken, um eine Zeile in Helvetica zu erspähen. Das Moskauer System funktioniert besser.

„Man merkt intuitiv, wann man angekommen ist.“ Das möchte ich in Köln mal erleben: Intuitiv U-Bahn fahren.

Das Foto zeigt Station 11 der Ausstellung mit Hui und Pfui: Rechts die verschwenderisch ausgestatteten Moskauer U-Bahnhöfe und links die trüben Aussichten auf deutschen Stationen.

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