Höhen, die kein Lachen kennen

Das Hohe Venn ist eine Landschaft von bedrohlicher Einsamkeit – eine Quelle von Sagen und Legenden. Deshalb gelingt es gerade hier, das Unsichtbare zu sehen, wenn man sich nicht vor dem Geheimnis fürchtet:  

Im Dämmerlicht schauen Augen aus den Erdwänden, Feuchtigkeit webt silbrige Schleier im Moos, tiefschwarz behaarte Arme recken sich aus Wurzelmäulern. Von ferne gurrt eine Taube das Abendgebet. Es knackt in den Ästen, es raschelt im Gebüsch, Wasser mäandert talabwärts vorbei an den Palästen der Trolle tief unten im Erdreich. „Wer sich auf sie einlässt, verliert seine Zeit“, flüstert Lotte von der Inde und nimmt die Hand eines Kindes, das mit zitterndem Mund auf die Schatten am Bachufer starrt.

Geheimnisvolle Zeichen im Stein.

Der Wald unterhalb von Haus Ternell ist ein offenes Märchenbuch. Neben einem Holzsteg über den Bach reckt sich der „Hüter der Lügenbrücke“, ein Monster mit grässlichen Augenhöhlen, wirren Grashaaren, warzigen Holzhäuten und Steinzähnen, und droht jedem Lügner, den Steg einstürzen zu lassen, wenn er darüber geht. Die Kinder glauben ihm aufs Wort. Zögernd betreten sie die Brücke, wohl überlegend, wann sie das letzte Mal die Unwahrheit gesagt haben, und entsetzt sehen sie wenige Meter weiter: Da ist tatsächlich eine Holzbrücke eingestürzt, eigentlich noch intakt und doch verstrickt in den Wässern des Ternell-Bachs.

Lotte von der Inde ist Geschichtenerzählerin, und sie liebt das Venn wie seine Märchen. Tief unten im Wald, direkt an den Ufern der steindurchwirkten Hill, die silbrig glänzend durch eine Urlandschaft zieht, zeigt sie in der Walpurgisnacht auf das Kruzifix an einer Buche und lächelt: „Hier können keine Geister sein.“ Aber im roten Abendlicht kann sie hier vom Erdweibchen aus Mützenich erzählen, das die kleine Marie bat, es zu kämmen – unter dem Grün einer Eiche. Das Kind nahm zögerlich den Kamm und zog ihn durch die langen weißen Haare der kleinen Frau. Mühsam war die Arbeit, eiskalt die Kopfhaut. Marie erschauerte. Doch sie kämmte weiter bis auch das letzte Haar frischen Glanz hatte. Zum Dank bückte sich das Erdweibchen, sammelte mit seiner Schürze ein Häufchen Laub auf und schenkte es Marie. Dann verschwand es hurtig. Enttäuscht ließ das Kind die Blätter zu Boden fallen und rannte nach Hause. Die Mutter empfing es mit offenen Armen, doch wie staunte sie, als ein Goldtaler aus dem Schürzchen der Kleinen fiel. Da begann das Kind zu weinen. Es erzählte vom Erdweibchen und wusste, dass es mit den Blättern einen Schatz in alle Winde gestreut hatte…

Wer kennt die Wesen, die hier wohnen?

Wer durchs Venn zieht, hört viele solcher Geschichten, und wenn er sie nicht hört, spielt die eigene Phantasie ihm einen Schabernack. Dann erinnert er sich in den ziehenden Nebeln an den Venngeist, der in einer Torfhütte lebt und Hüter des Mooses und der Beerensträucher ist.  Seine kleinen Helfer, die Wassermännlein, tragen eine Tarnkappe aus Wollgras. Und seine Frau, die Moorhexe, befielt den Nebeljüngferchen, übers Venn zu tanzen und Schleier zu wirbeln. Menschen, die so etwas sehen, verirren sich im Venn. Und nur wer Glück hat, dem schickt der Venngeist ein Wassermännlein zu Hilfe, das ein kleines Licht anzündet und auf den rechten Weg zurückführt.

Wanderer erzählen sich auch gerne von Gilles, dessen Seele keine Ruhe finden kann. Er war Schäfer im Venn, als das Gasthaus Mont-Rigi noch Haus Hoen hieß. Hässlich war Gilles, ein abscheulicher Gnom, der die Menschen mied und seiner einsamen Wege ging. Doch eines Tages, im Frühling 1883, verliebte er sich in Pauline, die neue Dienerin des Hauses Hoen. So sehr verliebte er sich, dass er ihr auflauerte und um ihre Gunst flehte. Sie aber lachte nur und wies ihn höhnisch ab. Da verfluchte Gilles sie und nahm den Strick. Seitdem geistert er an nebligen Tagen durchs Venn. Wer ihn sehen möchte, sollte das Gasthaus Mont-Rigi einmal genauer betrachten. Kann es sein, dass dort oben an der Fassade ein Zwerg mit einem Strick um den Hals sitzt, hässlich und grinsend; ein Zwerg, der aussieht wie Gilles?

Die Pforten zum Unerklärlichen öffnen sich.

Kobolde, Elfen, Feen und Hexen. Alle sind zuhause im Venn. Und wer ein Gespür für das Numinose hat, sieht auch die vier Haimondskinder auf ihrem Riesenpferd Bayard durch die Nebel hetzen – auf der Flucht vor der Rache Karls des Großen. Oder er entdeckt den bekanntesten „Hexenplatz“: Genau dort, wo der Kranzbach in die Kall mündet, ist ein Schnittpunkt alter Wege, die ins Moor führten. Hier trafen sich die Hexen ringsum zum Tanz. Und ist es ein Wunder, dass genau dort heute geschütztes Revier ist, in dem das seltene Braunkehlchen nistet?

Auch wer all das nicht glaubt, erfährt im Venn Geschichten, die das Herz berühren. Fast jedes Kreuz im weiten Moorland ist verwoben mit einem Mythos, der manchmal Jahrhunderte überlebt und jedes erzählt vom Schicksal und allzu oft auch vom Tod. Das berühmteste von allen, das Kreuz der Verlobten, ist ein Anziehungspunkt für viele Wanderer.

Wie oft ist sie schon erzählt worden die Geschichte von Francois Reiss aus Bastogne, der beim Bau der Gileppe-Talsperre Arbeit gefunden hatte, und Marie-Josèphe Solheid aus Xhoffraix, die in Halloux angestellt war. Die Beiden, 32 und  24 Jahre alt, verließen gegen Mittag Jalhay und machten sich auf den Weg nach Xhoffraix, um alles Nötige für ihre Hochzeit zu besorgen. Sie kamen dort nie an. Der Schnee, die Kälte, der Sturm, die trügerischen Wege des Venn wurden ihnen zum Verhängnis. Marie starb vor Erschöpfung, Francois wollte Hilfe holen, aber auch er verirrte sich und fand nicht zurück. Ihre Leichname wurden erst im März entdeckt, als der Frühling das Land endlich aus dem Zwinggriff des Winters befreit hatte.

So viele Kreuze, so viele Schicksale.

So viele Kreuze, so viele Schicksale, das weite Venn ein Friedhof, abweisend und gefährlich. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war das sumpfige Gelände ohne die heute vertrauten Straßen eine Todesfalle: So erzählt das Kreuz aus Recher Blaustein am „La Béole“ von Léonard Christiane, der 1839 ins wallonische Venn zum Mähen gegangen war und auf dem Rückweg vom Blitz erschlagen wurde. Und der Förster Jacob Mockel wurde 1626 im Fagne de Potales umgebracht.

Geschichten über Geschichten erzählt das Venn: Und die Kreuze tun das ihre. Einige – wie das Priorkeuz in den „Potales“ – dienten zur Sicherung von Grenzen, andere mahnen an die Wirren des Krieges, wie das Kreuz der russischen Gefangenen, derer seit 1963 rund 100 Meter nordöstlich der Brücke von Bosfange an der Rur gedacht wird, oder das Kreuz der gefallenen Amerikaner am Rande eines Wasserlochs, das ein amerikanisches Flugzeug nach seinem Absturz im Sommer 1944 hinterließ.

Auch Denkmäler erzählen vom Grauen und von den jungen Männern aus Übersee, die hier in den Weiten des Venn ihr Leben lassen mussten: Das amerikanische Denkmal von Gayetal, das englische von Rhus, das englisch-kanadische von Malchamps. Sie alle wissen um Tod und Untergang in den stillen Weiten einer Welt, die jenseits unseres Alltags zu liegen scheint und nur darauf wartet, geweckt zu werden aus der Todeinsamkeit der kargen Höhen des Hohen Venn, die „kein Lachen kennen“, wie Clara Viebig so treffend formuliert hat: „Stumm dehnt es sich endlos – Welle auf, Welle ab – im grausamen und doch gewaltigen Einerlei. In fernster Ferne, dunstblau und schwer, lastet der Horizont. Wo kommt man dahin, was da wohl sein mag?! Man weiß es nicht….“  

Auszug aus: Das Hohe Venn, Grenz-Echo Verlag, Eupen

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