Wild auf einen Sieg

Legenden haben Nachwirkungen: Manch einer, der nachts durch die Wälder zieht, meint, einen wilden Hund zu sehen. Und auf dem Dorfplatz von Bergstein steht er, der Hundemensch aus Bronze, und erinnert an eine alte Geschichte: 

Bergstein, im Jahr 1542

Waffenklirren, Säbelrasseln, Kampfgeschrei: Wütend schlägt der Hauptmann das Hoffenster zu und hockt sich an den Holztisch.

„Verflucht. Immer nur Schaukämpfe, Waffenübungen. Es muss doch einen Weg geben, diesen Steinhaufen einzunehmen.“

Er zeigt nach Osten, wo sich die roten Brocken von Burg Nideggen über den Wäldern türmen. Die Lippen zusammengepresst, die schwarzen Augen zu Schlitzen verengt, geifert er: „Woche um Woche hocken wir hier in diesem gottverlassenen Bergstein. Auf was zum Teufel warten wir noch?“

Sein Adjutant zuckt zusammen. Manchmal hilft Schnaps.

Vorsichtig stellt er den schweren Krug auf den Tisch. Der Hauptmann fegt das Gesöff auf den Boden: „Hast Du je von einer Burg gehört, die uneinnehmbar ist? – Lächerlich.“

„Burg Nideggen hat diesen Ruf“, wagt der Adjutant zu flüstern und denkt resignierend an die Fakten:

Burg Nideggen: Hoch auf dem Felsen geschützt vor Feinden.

Die Grafen von Jülich beherrschen seit Menschengedenken das Grenzgebiet. Niemand konnte bisher die Höhenburg bezwingen:  Ihr Felsplateau stürzt nach drei Seiten hin in die Tiefe. Nur ein Weg führt ins waffenstarrende Herz, bewehrt mit Eisentoren, Schießschächten und Wachtürmen. Ein Bollwerk, in dem am Gespinst der Macht gewebt wird.

„Wir zählen das Jahr 1542“, schreit der Hauptmann. „Wir gehören zu den siegreichen Truppen Karls V., und wir sind dabei, diesem Spuk endgültig ein Ende zu bereiten. Die Burg wird fallen. Das ist nur eine Frage der Zeit.“ – ‚Ja‘, denkt der Adjutant, ‚aber wir müssen auf den Hauptverband der Kaiserlichen warten – mit seinem schweren Geschütz.‘

Der Hauptmann ist aufgesprungen, sein Stuhl fällt polternd auf den Steinboden. „He, nimm den größten Hund, den Du finden kannst, und zieh ihm das Fell ab.“

Entsetzt starrt ihn der Adjutant an. „Was ist?“ – „Besorg mir ein Hundefell, aber rasch. Ich lege mir den gottverdammten Pelz zur Tarnung über. Ich kenne ein Schlupfloch in der Burg. Dort steig ich ein und lass‘ die Truppen nachkommen. Heute Abend lauf ich los. Bis dahin brauch ich das Fell.“

Dunkelheit hat Bergstein eingehüllt. Ein Käuzchen beklagt die Nacht. Der neue Mond bestickt den tiefschwarzen Himmel.

Der Hauptmann rüpelt letzte Anweisungen: „Ihr folgt mir in einigem Abstand. Bin ich in der Burg, öffne ich die Tore, dann dringt ihr ein und tötet so viele Gegner wie möglich. Mein Plan ist einfach und effektiv. Ich werde siegen.“ –

Stille. Endlich wagt einer zu reden: „Was ist, wenn Sie trotzdem entdeckt werden?“ – Der Hauptmann verzieht verächtlich das Gesicht und spuckt auf den Boden. „Dann versetze ich bis in alle Ewigkeit Wanderer in Angst und Schrecken.“

Er zieht sich das Hundefell über und hastet in die Nacht. Die Soldaten folgen keuchend. In einem Dickicht am Fuß des Gemäuers kampieren sie und lauschen in die Dunkelheit.

Stunden verstreichen. Nichts rührt sich. Lautlos zieht der schmale Mond seine Bahn. Von Ferne klagt leise das Käuzchen.

Plötzlich ein Schuss. Gepolter. Schreie. Auf dem Graziasturm bricht ein Sturm los. „Wir haben ihn, den falschen Hund.“

– Lautes Gelächter. Türenschlagen.

Die Soldaten sind entsetzt. Hals über Kopf rennen sie zurück Richtung Bergstein, verschanzen sich in ihrem Quartier und warten. Vergebens. –

Nie wieder hören sie von ihrem Hauptmann.

Aber zur Ruhe kommt er nicht: Noch heute schwören Wanderer, die es wagen, nachts durchs Sürthgen zu laufen, dass er kommt, der wilde Hund – schnaufend, geifernd, bockend – und wild auf einen Sieg….

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