Eine Liebe in Sütterlin

Sobald ich jemanden sehe, der ein Buch in der Hand hat, will ich wissen, was er liest. Ich habe mich schon unauffällig an lesende, mir völlig unbekannte Menschen herangeschlängelt und mich tief gebückt, um einen Blick auf das Coverfoto zu erhaschen. Meistens erkenne ich den Titel und überlege, warum sie sich gerade dafür interessieren.
Anderen scheint das ähnlich zu gehen. Neulich in der Eisdiele las ich „Die Lieben meiner Mutter“ an Stracciatella. Es wollte mir nicht alles schmecken, einiges erschien mir aber gut bekömmlich. Auf jeden Fall faszinierte mich diese Geschichte: Da entziffert Autor Peter Schneider aus dem Sütterlin seiner Mutter, dass sie in der Kriegs- und Nachkriegszeit eine offene Dreiecksgeschichte gelebt hat. Wie war das möglich? Der Junge wusste damals von nichts.
Nachdenklich schaute ich auf  und sah in der völlig überfüllten Eisdiele ein Paar auf mich zukommen – sichtlich genervt, zwei quengelnde Kinder am Arm. Die blonde Mutter entdeckte das Buch und sagte: „Das lese ich auch gerade.“
Und bei diesen Worten lag so etwas wie Verschwörung in ihrem Blick.

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4 Kommentare

  1. Schon allein der Gedanke an Sütterlinschrift lässt mich in Kindheitserinnerungen schwelgen (in Gedanken bei Johanna Spyri und Nesthäkchen…) doch Dreiecksgeschichten in der Nachkriegszeit? Die Menschen waren immer dieselben, nur mussten sich viele mit so viel schwereren Umständen zurechtfinden.
    Liebe Grüße aus Thüringen sendet
    Marlis

  2. Ja, liebe Marlis, genau das ist das Ungewöhnliche. Damals waren ja nicht nur die Umstände schwierig. Auch die Frauen hatten es schwerer, nach ihrem Gusto zu leben. In diesem Buch wird der seltene Fall geschildert, dass eine Frau kein Geheimnis daraus macht, zwei Männer zu lieben – allen Widrigkeiten zum Trotz.

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