Zu Gast in einem anderen Leben

Sonnenstrahlen tunken den Sandstein in goldenes Licht. Schmucklos sind die müden Mauern, die Jahrhunderte überdauert haben, trutzig und wehrhaft.  

Zwei goldene Türklopfer. Zwei Messinghände. Unwiderstehlich. Vorsichtig greifen wir zum Metall, hören lachend das Klopfen. Der Eingang öffnet sich. Ein Mann kommt heraus und schaut uns fragend an. Nein, wir haben kein Anliegen. Nichts als Neugier, ein wenig Übermut, hat uns verführt.

Er schaut uns an, zögert einen Moment und winkt dann, ihm zu folgen. Wir gehen ein paar Schritte, und die Stadt mit ihren dröhnenden Lastwagen, den schwatzenden Passanten und schreienden Kindern wird verschluckt. Wir stehen im Innenhof eines Palastes, groß wie ein Tennisplatz, umstanden von Skulpturen und Gemälden. Ein schmiedeeiserner Brunnen, eine bemalte Fassade laden zum Staunen ein: Der Weg führt ins verborgene Land des mallorquinischen Reichtums.

„Alles geerbt“, sagt der Mann lächelnd. Stolz liegt auf seinem Gesicht. Er lädt ein, zu schauen, zu genießen. Die Stille und Schönheit im Spiegel vergangener Jahre. „Ein Paradies“, stottere ich. Er lacht. Wir schauen hoch zu den riesigen Gebäuden. „Wie viele Menschen wohnen hier?“ – „Zwei“, lächelt er. Nur zwei. Dann schweigt er und lässt uns Einblick nehmen in eine Kultur, von der wir wenig verstehen.

„Sie haben uns ein Geschenk gemacht“, sagen wir zum Abschied, und ich spüre wie selten zuvor: Wer in ein fremdes Haus eingeladen wird, ist kurze Zeit in einem anderen Leben.

Der Innenhof eines Wohnhauses in Manacor.

Ein Blickfang.

4 Gedanken zu “Zu Gast in einem anderen Leben”

  1. Einmal aus Übermut anklopfen und plötzlich in einem geerbten Palast stehen – so großzügig kann Neugier belohnt werden.

    Meistens öffnet allerdings nur jemand, der tatsächlich wissen möchte, was man will. 🦌

    1. Ja, das stimmt. Deshalb waren wir auch sehr glückllich, dass wir das erleben durften. Hier in Porto Cristo wird allerdings auch erzählt, dass jemand an der Villa von Tennisstar Rafael Nadal geklingelt haben soll und der bereiit war, mit dem Besucher ein Selfie zu machen. Vielleicht sind in Spanien die Umgangsformen lockerer.

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