Einfach nur Glück

Jetzt ist Zeit für Spiele. Wann, wenn nicht jetzt – in diesen merkwürdigen Zeiten von Corona? Selbst wer lieber nur über Glücksspiele liest, kommt derzeit auf seine Kosten: „Pique Dame“, eine der bekanntesten Kurzgeschichten der russischen Literatur, die sogar zum Opernklassiker wurde, erscheint uns gerade in neuem Gewand: Alexander Puschkin hat sie geschrieben, neu übersetzt wurde sie von Alexander Nitzberg. In Bildern schwelgt dazu Kat Menschik.

Zugegeben, der Text ist kurz, die Geschichte merkwürdig. Denn hier geht es um Hermann, der nicht spielen, aber gewinnen will – mit einer sicheren Methode, die er der steinreichen Gräfin Anna Fedotowna entlocken möchte. Von ihr wird erzählt, sie kenne seit ihrer Jugend das Geheimnis, wie man die Karten zum Gewinnen bringt. Schön zu lesen, wie Hermann sich die Liebesgunst ihrer Ziehtochter erschwindelt, um in ihren Palast zu schleichen und ihr die Methode zu entlocken.

Als ich über Hermann las, fiel mir Felipo wieder ein, der süchtig war nach Casinos und Spielerglück. So bleibt er mir in Erinnerung:

„Zwischen gelben Fingerkuppen hängt Felipos Zigarette, hastig suckelt er am Stummel und drückt die Asche aus, bevor die Glut sich durchs letzte Stück Tabakpapier gefressen hat. Zwischendurch schluckt er Chianti. Sein Blick hetzt über ein paar Blätter, die er auf der geblümten Plastikdecke des Küchentisches verstreut hat. Dann nimmt er einen Bleistift und malt Zahlenkolonnen: 6 schwarz, 18 rot, 9 rot…

Es ist Mitternacht, irgendwo am Gardasee. Durch die offenen Fenster der Wohnküche weht Musik aus einer Pizzeria herüber, und er fragt heiser: „Warum glaubst Du nicht an mein System? Du glaubst, dass ein Vögelchen singen lernt, aber Du glaubst nicht an mein System.“ Ich schaue unsicher auf die beiden anderen, will wissen, warum Felipo seit mehr als zwei Stunden eine Elfenbein-Kugel durch unsere Gedanken rollen lässt. Doch André zuckt nur die Achseln: „Er lebt davon. Ich bin ein paar mal mit ihm gefahren. Er hat mich eingeladen. Nach Venedig, nach Bad Homburg. Wir sind in den besten Hotels abgestiegen. Und manchmal hat er gewonnen. Aber Geld hat er nicht..“

Felipo hört nicht zu. Die Hemdsärmel hochgerollt, den Schlips vom Hals gezurrt, malt er wie in Trance seine Zahlen, redet von Chancen, vom Setzen und vom Risiko: „In einer Stunde musst Du raus sein, länger hälst Du das nicht aus.“ Fahrig wischt er eine graue Strähne aus der Stirn, spielt Weltenherrscher und Prophet – vor allem für Fabian, der ihm mit rotem Kopf näher rückt und Permanenzen vergleicht. Irgendwann dreht Felipo die Hand, als wolle er das Rouletterad mit wütendem Schwung anrücken.

Am nächsten Morgen schläft er lange, aber Fabian ist um sieben Uhr hellwach. „Ich hab alles kapiert“, flüstert er, „alles. Als er das heute morgen um vier merkte, hat er mich angefleht, nicht ins Casino zu gehen, weil ich sowieso dazu die Nerven nicht hätte…“

Was soll ich sagen: Selbstverständlich haben wir an Felipos System geglaubt und eine Menge Geld verloren. Aber wirklich gut war es im Casino von Spa. Dort setzten wir auf Zero, einfach so, ganz ohne System. Und die Kugel war uns hold. Sie rollte auf die Null. Glückstrunken zogen wir uns gegenseitig nach draußen: „Bloß nicht weiter spielen“. Diese Nacht in dem belgischen Landschloss mit offenem Kamin im Schlafzimmer werde ich nie vergessen. Allerdings: Mit System hatte das nichts zu tun. Es war einfach nur Glück.

Und Hermann? Ich will hier nichts verraten. Aber die Damen in seinem Spiel wirbeln sein Leben völlig durcheinander. Und das hat mit Glück gar nichts zu tun.

Foto von Drew Rae von Pexels

 

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