Geborgen unter flatternden Tüchern

„Wie würdest du gerne leben, wenn alles möglich wäre? Ich denke jetzt nur mal an deine Wohnung.«
Charlotte zögerte: »Vielleicht etwas geheimnisvoll. Ich würde mir wünschen, dass alles verspielt wäre und überraschend. Ja, ich hätte sogar gerne eine Geheimtüre, die nur ich kenne, wo meine Schätze liegen, die ich nur sehr selten anschaue, aber von denen ich genau weiß, dass sie da sind.«
»Warum ist deine Wohnung dann so kühl weiß, übersichtlich und durchgestylt, sagen wir repräsentativ? Wie hast du dich denn in unserem Elternhaus in deinem Zimmer gefühlt?«
»Ich habe es als sehr groß in Erinnerung, und große Räume liebe ich nach wie vor. Aber du weißt doch, dass ich mir in einer Ecke immer mit Tüchern eine Höhle gebaut habe, in die ich Kissen und Polster schleppte. Dort lag ich, im diffusen Zwielicht, das durch die Stoffe fiel, und fühlte mich geborgen. Die Putzfrau hat auf Anweisung von Mutter immer alles wieder weggeräumt. Aber so möchte ich eigentlich wohnen. Mit Kuschelecken und geborgen unter flatternden Tüchern.«
»Nicht einmal das hast du geschafft in deinem jetzt doch völlig frei bestimmten Leben. Was hält dich ab, verdammt noch mal? Tu doch, was du willst. Wenigstens zuhause. Und sei, wer du sein willst. Ich denke, ich kann sagen, dass du eigentlich ein völlig selbstbestimmtes Leben führen möchtest.«
Aus dem Roman „Frau Kassel will Wunder“ 

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