Über dem Schlachtfeld singen die Engel

Die Chlodwig-Stele von Ulrich Rückriem vor den Toren von Zülpich erinnert an die Chlodwig-Schlacht.

Noch immer rüsten Krieger auf, noch immer werden Schlachten geführt – im Namen Gottes. Und manchmal ist es sogar die westliche Demokratie, an die wir glauben sollen, um getrost in den Kampf zu ziehen.  Das meint auch Bundespräsident Gauck, der den segensreichen Einsatz der Waffen predigt, und sich damit in eine unselige Tradition stellt: Selbst unsere Sagen sind vom Glauben an die gerechte Schlacht durchsetzt, die unsere Weltordnung zurecht rückt. Ein Beispiel ist die Chlodwig-Sage. Nach seinem Kampf begründete der Frankenkönig das erste christliche Reich. Und das Abendland hatte einen neuen Gott:


Zülpich, 496 n. Chr.
Die Morgensonne wirft lange Schatten auf den Acker, und die dunklen Heerscharen scheinen näher zu kommen. Nur die Wälder trösten den Einsamen, der aufrecht und starr die Weite beherrscht. An Würde fehlt es nicht. Auch nicht an Stolz. Irgendwo im flirrenden Blau könnten Engel singen.

Doch der Held ist allein – unbeugsam und kraftvoll, das Schwert in der Hand. Um ihn herum der Geruch von Tod und Verderben. Fahnen flattern. Sein Pferd bäumt sich auf, Schaum vor dem Mund, die Nüstern angstvoll gebläht. Heftig fegt der Wind über die Ebene. Düstere Wolken dräuen am Horizont. Schreie künden von Unheil und Tod.

Chlodwig zögert. Er ist abgelenkt, unkonzentriert, ausgerechnet heute, am Tag der Entscheidungsschlacht. Der König der Franken denkt an Ingomar, den kleinen Sohn, der in seinen Armen starb, und an Chlothilde, seine fromme Gattin, die ihn beschwor, den Christengott anzurufen, bevor er sich in diese Schlacht gegen die Alemannen stürze, denn sicher ist: Hier, vor den Toren von Zülpich, wird sich sein Schicksal besiegeln.

Sein Blick geht in die Weite, wo die Speerspitzen der Alemannen im Licht der Sonne blitzen. Er hört ihre heiseren Rufe, sieht ihre Panzerungen, ihre Helme, ihre Holzwagen, ihre Pfeile und Bogen. Grellbunte Fahnen flattern im auffrischenden Wind, die Pferde wiehern und scharren nervös mit den Hufen.

Chlodwig zögert noch immer. Wieder denkt er an sein Söhnchen; zärtlich im Arm hielt er es, als es schwer erkrankte und schließlich starb. Und dies, obwohl er es auf Wunsch von Chlodhilde hatte taufen lassen: „Handelt so ein Gott der Christen?“

Chlodwig verbietet sich jeden weiteren Gedanken. Hoch reckt er sich im Sattel und versucht, sich zu konzentrieren. Er sieht die ratlosen Blicke der Getreuen, ahnt ihren Unwillen. Vorwärts. Endlich vorwärts preschen wollen sie. Den Gegner besiegen – hier auf dieser Ebene, direkt vor den Toren von Zülpich.

Da. – Die Alemannen setzen zum Sturm an. Gellende Schreie hallen über das Land. Der Boden vibriert von ungezählten Pferdehufen. Die Fußtruppen rücken näher – unaufhaltsam wie ein gewaltiger Sandsturm.

Chlodwig muss handeln. Er hebt das Schwert, gibt seinem Pferd die Sporen und prescht voran. Staub wirbelt auf. Die Heere rücken aufeinander zu, Mann gegen Mann. Lanzen zielen auf silberne Rüstungen, Pfeile bohren sich in Panzerhemden, jämmerlich schreiend gleiten Kämpfer aus den Sätteln, ein Teppich von Leibern bedeckt das Land, Pferde brechend stöhnend zusammen, der Boden glibbert von Blut. Und die Alemannen schreiten voran. Unaufhaltsam, siegesgewiss und in großer Überzahl.

Da hebt Chlodwig die Augen zum Himmel und fleht: „Schenk mir den Sieg, du Gott der Christen. Wenn ich diese Schlacht gewinne, lasse ich mich und mein Volk in deinem Namen taufen. Ich schwöre es.“

Plötzlich legt sich der Sturm. Chlodwigs Getreue fassen neuen Mut, kraftvoll führen sie Schwert und Lanze, treffsicher sind ihre Bogen. Entschlossen ist ihr Blick. Nichts lähmt mehr ihren Mut. Sie stürmen voran, und Chlodwig reitet unbehelligt durch die Reihen der Feinde. Er siegt – direkt vor den Toren von Zülpich.

Und über dem Schlachtfeld singen die Engel.

 

 

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