Göttinnengeflüster

Die Wintersonnenwende ist vorbei. Doch vergessen ist sie nicht. Fernab vom Getriebe der Welt versuchen drei Frauen in Nettersheim, ein Geheimnis zu lüften.  

Nettersheim. Januar 2013. Nebel kriecht aus den Wässern des Schleifbachs, lässt Perlen auf den Tannenzweigen glitzern, webt Schleier von eisiger Kälte. In einem Haselnussstrauch zirpt ein Spatz – auf Suche nach dem letzten Bröckchen vor dem Nachtgebet. Die Görresburg ist in blaustichiges Licht getaucht. Steintafeln mit drei Frauengestalten halten Wacht, und im letzten Licht des Tages wächst die Stille – wie hinter schweren Brokatvorhängen.

Da. Ein Knistern, ein Knacken, eine Aufregung in den Halmen. Ein Fießen in der linken der drei Tafeln hoch oben auf der Görresburg: „Schade, die Wintersonnenwende ist vorbei“, mault ein Stimmchen. Und überrascht: „Oh, ich kann sprechen.“

Sekunden Stille. Dann wieder das Stimmchen. „All diese Menschen und all diese Geschenke. Eine 20-Cent-Münze auf meinem Kopf. Und getrocknete Orangenscheiben. Tannenzapfen. Rote Schleifen in meinem lieben Holunderbusch. Schade, die Wintersonnenwende ist vorbei. Sie sind weg. Mit ihrer Anbetung im Blick, mit ihren Fragen, mit ihren Sehnsüchten und ihren Wünschen. Einfach weg.“

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Stille. –  Wieder ein Fiepen. Noch leiser. Zaghafter: „Warum kann ich eigentlich sprechen?“– „Warum nicht?“ brummt die Alte rechts neben ihr. „Schließlich sind wir eine Idee. Schon 4000 Jahre in der Welt, bescheiden gerechnet.“

„Ich finde auch, es ist Zeit, dass wir reden“, sagt die Mittelalte. „Die Naturvölker hatten uns schon im Kopf, die Kelten sowieso. Römische Legionäre haben uns hier in Nettersheim in Stein hauen lassen. Wir sind seit ewigen Zeiten Matronen, Muttergottheiten, Beschützerinnen von Haus, Hof und Sippe. Das wird heutzutage vergessen: Wisst Ihr, was der Name Matrone jetzt bedeutet? Eine Matrone ist eine dicke, runde, phlegmatische alte Frau.“

Wütend schnaubt sie und hebt den Kopf mit der ausladenden Haube stolz in die Höhe.

„Dabei haben wir uns alle Mühe gegeben, dass uns keiner vergisst“, schimpft die Alte und rückt energisch das Opferkörbchen auf ihrem Schoß zurecht. „Als man uns als Heidengöttinnen verfolgte, haben wir uns in Feen und Juffern verwandelt und in den Sagen Wunder gewirkt. An Bächen schwebten wir in wallenden Gewändern, um segnend die Wässer zu beschützen. Wir haben gierige Jäger gezwungen, bis in alle Ewigkeit einen Hasen zu jagen. Und in Heimbach konnten wir die Obstbäume vor Vandalen retten.“

„Vorbei“, seufzt die Mittelalte. „Viele kennen nicht einmal mehr die Sagen. Entzaubert ist selbst der glühend rote Sonnenuntergang.“

Erschreckt zuckt sie zusammen, weil ein Käuzchen direkt an ihrer Nase vorbei flattert.–

„Das bekommt den Menschen nicht“, sagt die Alte. „Sie haben einen Konstruktionsfehler. Der wird langsam lästig: Alles, was sie erleben, lässt sie glauben, sie seien das Zentrum der Welt. Der Wachstumsfaktor, der nur mit Wachstum gedeiht. Völlig wider die Natur.“

„Ach, nein, jetzt bist Du belehrend. Das ist öde“, jault die Jüngste. „Viele kommen doch immer noch zu uns, bringen uns Münzen und Schleifen und getrocknete Orangenscheiben.“ Sie  greift nach  einer Schale und versucht, sie ans Ohr zu hängen – wie eine zierliche Creole.

„Still jetzt. Was soll der Tand. Zu unseren guten Zeiten haben wir Philosophie geschrieben; das Leben bestimmt und den Tod nicht ausgeklammert. Die Frauen haben das Säen und Ernten erfunden. – Eine schlichte Idee. Aber alle wussten: Nur wenn dieser Kreislauf geheiligt wird, läuft es gut.“

„Alles ist eine Frage des Glaubens“, flüstert die Mittelalte und seufzt so tief, dass eine Haselnuss von ihrem Schoß rollt. „Stellt Euch vor, die Menschen glaubten heute noch, dass die „Juffer Fey“ über neblige Flusstäler schwebt. Stellt Euch vor, die Menschen wüssten, dass der Fee die Stille der Wälder heilig ist, und dass jeder, der ihre Ruhe stört, bis in alle Tage im dichten Busch nach einem Ausweg suchen muss. Stellt Euch vor, die Menschen wüssten, dass die Juffern sie beschützen, aber auch Mäßigung und Opfer verlangen.“

Träumend blicken die Drei auf den vollen Mond, der sich satt über die Büsche erhebt und die Damen in sein fahles Licht hüllt. „Heute ist eben alles anders“, brummt  die Alte. „Die Menschen glauben, an was sie wollen. Und jeder glaubt an etwas anderes: Wer an Geld und Güter glaubt, hat nie genug davon. Wer an Macht glaubt, hat Angst und führt Kriege. Wer an seinen Körper glaubt, findet sich hässlich…“

„Aber es gibt auch immer noch einige, die an uns glauben. Und sie bringen uns Münzen und Schleifen, getrocknete Orangenschalen und….“

„Ich kann es nicht mehr hören“, murrt die Alte. „Wann wirst Du erwachsen?“

Stille. – Peinliche Stille. „Aber eins ist doch wichtig zu sagen“, flüstert die Mittelalte. „In der Kirche von Thum werden noch heute drei Frauen verehrt: Fides, Spes und Caritas – Glaube, Hoffnung und Liebe. Sie haben sogar eine Hierarchie: ‚Die Liebe ist die größte von allen.“

„Wie wunderbar“, jauchzt die Junge.

„Ein schöner Glaube“, flüstert die Mittelalte.

„Dann wollen wir hoffen“, brummt die Alte.

Und sie erstarrt zu Stein – wie ihre Schwestern.

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