Michael zückt das Flammenschwert

Manchmal kommen Besucher von weit her, und wir zeigen unser Dorf. Immer ziehen wir auf den Hügel zur kleinen Kapelle St. Michael. Weiß reckt sie sich aus dem Gebüsch, ein friedliches Stück Land mit einer teuflischen Geschichte. Genau hier soll es gewesen sein; hier soll der Teufel den Plan geschmiedet haben, beim nächsten Unwetter, alles nieder zu reißen und das Kirchlein den Hügel hinab zu stürzen.
Doch der Erzengel St. Michael griff ein und zückte sein Flammenschwert. Satan sah es mit Entsetzen, sprang mit einem weiten Satz vom Hügel hinab, verewigte noch rasch seinen Fußabdruck auf einem Feldweg, floh in die Berge und wurde nicht mehr gesehen – zumindest nicht in Vlatten.
Neulich habe ich die Geschichte einem Gast aus Frankreich erzählt. Schon während ich plauderte, strahlte er und nickte und nickte. Endlich, als er zu Wort kam, erzählte er von einer ganz ähnlichen Teufelsgeschichte, von der ganz ähnlichen Rettung einer kleinen Kirche und von einem ganz ähnlichen Fußabdruck als Beweis, dass der Böse da war und erfolgreich vertrieben wurde.
Über die Grenzen hinweg ähneln sich die Geschichten, vor allem die alt überlieferten. Und über die Grenzen hinweg glauben wir an den Sieg des Guten. Aber merkwürdig – ohne Kampf können wir uns das Gute selten vorstellen – zumindest nicht in unseren Sagen, Märchen und Geschichten.
Da müssen wir Nachsicht üben mit den Schöpfern und Liebhabern von modernen Sagas wie „Starwars“: Sie kennen es nicht anders und müssen unermüdlich kämpfen. Schade, eigentlich.

Ist der Teufel zufrieden mit mir?

Da ist mir ein schönes Buch in die Hände gefallen. Schwarz-Weiß, wie es gerade Mode ist, und voller Fragen, wie sie früher einmal gestellt worden sind, als das noch weitergeholfen haben muss.
„Findet mich das Glück?“ steht provozierend auf dem Titel. Schon das macht mich stutzig. Bisher habe ich immer gedacht, dass ich es bin, die das Glück sucht, wie das grüne Männchen die Ampel.
Schon lese ich weitere Fragen: „Soll ich mich betrinken?“ ist ja noch leicht zu verneinen, aber „Ist der Teufel zufrieden mit mir?“
Für mich wird das schwierig. Zumal die dicken Fragen noch kommen: „Darf sich die Wahrheit alles erlauben?“, „Wird der Bereich des Möglichen immer kleiner?“, „Gibt es heute einen ähnlich großen Irrtum wie die Vorstellung der Welt als Platte?“.
Genug. Das erschöpft mich.
Und da fällt mir ein, dass ich in den 80ern schon mit einer Frage aus den Tagebüchern von Max Frisch überfordert war, die ganz einfach klang: „Möchten Sie Ihr Hund sein?“
Ganz ehrlich, darauf weiß ich bis heute keine Antwort.