Die armen Seelen jagen

Draußen "Sie" und drinnen das Nachttöpfchen.

Moore waren von altersher umgeben von Grauen und Geheimnis. Wie sehr das „Hohe Venn“ in Ostbelgien einst gefürchtet und gehasst war, hat die Eifeler Schriftstellerin Clara Viebig in ihren Büchern hautnah geschildert.
Heute ist das beinahe vergessen. Schnellstraße ziehen durch die Landschaft. Heerscharen von Wanderern in Schnürschuh und Anorak marschieren durch die Weite. Nur wenn es dämmert oder ein unerwarteter Sturm den Touristen überrascht, wird es noch vorstellbar, das Grauen, das sich in Clara Viebigs Sprache der Romantik so anhören könnte:

Gerret wird nie warm. Selbst nachts, wenn er sich mit der Mutter ein Bett teilt, denkt er fröstelnd an „Sie“, die draußen hockt im Venn; „Sie“ mit den „schweren, nachtdunklen Flügeln“. – Und wenn die Nebel sich über den Rinnsalen wälzen, wenn die Stürme ums Haus jaulen, hört er die armen Seelen jagen, schreiend und wehklagend, die Seelen der Verlorenen, der Verirrten, die nie mehr den Weg hinaus fanden, hinaus aus dem Moor.

Letzter Absatz aus dem Bildband „Das Hohe Venn“.

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Die Verzückung des Tages

Die späten Strahlen der Sonne tunken den Raum in Goldtöne. Besteck klappert, ein älteres Ehepaar nippt schweigsam am Bordeaux, zwei ordentlich ondulierte Damen schielen zum Kellner, der in verhaltener Eile lauwarmen Hummersalat serviert. Der Duft frischen Spinats  mischt sich mit dem Aroma von Kaffee und Cognac. Die Küche serviert eine Überraschung:  Hummercapuccino mit Kokosschaum in Espressotässchen.
Eine grauhaarige Eleganz führt seine in weiße Seide gehüllte Madame vorsichtig in den Wintergarten. Der Herr rückt ihr den Stuhl zurecht, murmelt ein „Bon Soir“ für die  Nachbarn, bestellt zwei Campari-Orange und nimmt Platz zum Studium der Gangfolge: Wildkräutersalat mit gegrilltem Schafskäse, Seezungenfilet auf Champagner-Savayone, Taubenbrust aus Anjou? Leise berät er sich mit seiner Dame über die Verzückungen des Tages.

Aus dem Bildband „Ostbelgien – Bilder, Spuren, Hintergründe“