Los, jetzt!

Wenn mich jemand vor ein paar Tagen gefragt hätte, welcher mein Lieblingsfilm ist, hätte ich spontan geantwortet: „Die fabelhafte Welt der Amelie“ von Jean-Pierre Jeunet. Seitdem ich den Streifens 2001 oder 2002 in einem kleinen Programmkino gesehen habe, verfolgen mich die riesengroßen Augen von Audrey Tautou.
Ich erinnere mich an Fetzchen von Glück, die ich beim Sehen verspürt habe, als Amelie sich entschloss, das Leben ihrer Mitmenschen als gute Fee zu betreten und allerlei Chaos anzurichten.
Auch Paris sah ich mit ihren Augen und glaubte jedes Wort: „In diesem Augenblick ist alles perfekt: die Weichheit des Lichts, dieser feine Duft, die ruhige Atmosphäre der Stadt. Sie atmet tief ein, und das Leben erscheint ihr so einfach, so klar, dass sie eine Anwandlung von Liebe überkommt und das Verlangen, der gesamten Menschheit zu helfen.“ Auch das Gegenteil verstand ich, das schließlich ihre Jugend trübte:  „Tage, Monate und schließlich Jahre vergehen. Die Außenwelt erscheint Amelie so tot,  dass sie lieber ihr Leben träumt.“
Ach, hätte ich es doch bei den Erinnerungen belassen. Aber nein, ich wollte den Film unbedingt noch einmal sehen, jetzt, 13 oder 14 Jahre später, hatte sogar ein paar grauhaarige Freunde dazu geladen und wartete mit ihnen auf den Liebreiz von Amelie. Sicher, er war noch da. Aber die Länge des Streifens, die verblassten Bilder. Nein, irgendwie gefiel mir Amelie nicht mehr. Zu viel Zeit haben wir beide anderswo verbracht. Ich langweilte mich. Und es war unübersehbar. Auch die Freunde schauten verstohlen auf die Uhr.
Seitdem grübele ich über unsere Leben, die wir in all diesen Jahren lebten. Wie sehr wir uns verändert haben, ohne es zu merken, und wie sehr der Zeitgeist uns frisst. Im Fall von Amelie ist es so, dass ganze Ideen mittlerweile alltäglich sind. Wurde im Film noch umständlich erklärt, dass es Amelie gefällt, mit der Hand in einen Sack Linsen zu fahren, um die Weichheit der Hülsenfrüchte zu spüren, und dass sie es liebt, die Zuckerkruste auf der Crème Brulée knacken zu lassen, wird so etwas heute mit einem schnöden „Gefällt mir“ abgetan – samt erhobenem Daumen.
Und dennoch: Wenn ich jetzt darüber nachdenke. Die unterschwellige Botschaft des Films ist zeitlos: Sie besagt, dass Amelies Schicksal und das der Menschen, die sie beeinflusst, nicht vorbestimmt ist, sondern aus einer Reihe von Möglichkeiten besteht, die letztlich durch ihren Willen herbeigezaubert werden.
Und durch ihre Gedanken, möchte ich hinzufügen. Und das gefällt mir wirklich. Daumen hoch.
Deshalb überlasse ich das letzte Wort gerne dem Maler Raymond Dufayel, wunderbar gespielt von Serge Merlin, der Amelie endlich aus ihrer Traumwelt reißt und ins Leben schubst mit den Worten: „So, meine kleine Amélie. Sie haben keine Knochen aus Glas. Sie dürfen sich ins Leben stürzen. Die Chance dürfen Sie nicht ungenutzt vorbeiziehen lassen, sonst wird Ihr Herz mit der Zeit, nach und nach, so trocken und verletzlich, wie mein Skelett. Also, verdammt noch mal: Los jetzt.“

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