Ach, wie ich ihn liebe

Gestern war ich mit dem Universum verabredet. Es war sozusagen ein „Blind Date“, und es hat mich tief beeindruckt. Vorangegangen war die Einladung eines Freundes zum gemeinsamen „Pouring“. „Lass dich überraschen“, hatte er mir verkündet, und ich folgte brav seinem Rat, fragte nicht weiter nach und stand zur vereinbarten Stunde vor einem riesigen Zeichentisch, umgeben von Farbtöpfen aller Couleur.

„Such dir fünf Farben aus“, sagte er, und ich griff nervös zum Acryl, voller Angst, gleich vor einer naiven Malerei zu stehen, die mich schon immer von der ernsthaften Arbeit mit der Farbenwelt abgehalten hatte. Er lächelte nachsichtig und riet mir, die Farben nacheinander in ein Töpfchen zu schütten, dazu noch jede Menge Acrylbinder. Ich gab heimlich noch etwas gute Hoffnung hinzu.

„Nun dreh mal den Topf vorsichtig rum“, sagte der Freund. Aufgeregt folgte ich seinem Rat und der Farbbrei floss über die Leinwand. Das Universum war bei der Arbeit. Die Farben vermischten sich zu Schlieren und Schleifen, ich durfte ein wenig nachhelfen und die Leinwand drehen und vorsichtig kippen. Die Bildwelten wurden immer dramatischer. Schluchten und Felsen taten sich auf, dann kam ein stahlblauer Bach zum Vorschein, um kurz darauf wieder zu verschwinden. Ich guckte und staunte. Das Universum lachte diebisch. Kaum hatte ich mich mit einem Bild angefreundet, verschwand es schon wieder und änderte die Form. Endlich hatte ich genug und legte die Leinwand ab.

„Jetzt geben wir noch ein bisschen Feuer“, lachte der Freund und fachte sein Flambiergerät an. Erschrocken warf die Farbe sich in die Flucht, hinterließ weiße Punkte und Furchen.

Ein unglaubliches Schauspiel. Nicht naiv, einfach präsent. Ein Farbenrausch, dem nichts hinzufügen war. Ein Impuls, der einfach da war, ohne die quälende Angst vor dem Neubeginn, die Joan Miro so intensiv beschrieben hat: „Wenn ich zu malen beginne, fühle ich einen Schock, der mich die Wirklichkeit vergessen lässt … In jedem Fall brauche ich am Anfang einen Impuls, und wären es nur ein Staubkorn oder ein Lichtstrahl.“

Mein Impuls war der Zufall. Ach wie ich ihn liebe. Und das Beste: Dieses Krokodil hier unten habe ich erst nach drei Tagen entdeckt.

5 Gedanken zu “Ach, wie ich ihn liebe

  1. Das oberste Bild gefällt mir persönlich am besten. Es hat so etwas wunderbar gut Gelauntes – und ich habe auch schon ganz viele Tierchen und sonstige Wesen darin entdeckt beim Betrachten :-).

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